Das “Firephone” – gibt es doch noch Innovationen im Smartphone-Markt?

dig-amazon-fire-phone-03Amerikaner sind ja bekanntlich Vertriebler von Geburt an – sie verstehen es einfach, Präsentationen so rüberzubringen, dass man glaubt, man habe soeben das beste Produkt der Menschheitsgeschichte gesehen. Wenn also ein amerikanischer Technologiekonzern zu einer Produktneuvorstellung lädt, bin ich schon vorab entsprechend geeicht und mit natürlicher Skepsis vorsorglich ernüchtert – denn oftmals zerplatzt die Seifenblase schon beim ersten Kontakt mit der Realität. Dann nämlich, wenn das Produkt einfach nicht hält, was die enorme Marketingpower an Erwartungshaltung aufgebaut hat. Jetzt hatte ich erstmals seit langem wieder ein Erlebnis, das mich aufrichtig staunen ließ – und das kam aus einer Richtung, aus der ich es wirklich nicht erwartet hatte: Von Amazon.

Ich kann sehr genau sagen, wann ich das letzte mal dieses Erlebnis hatte von: “Wow, das ist mal was wirklich Neues, so sieht die Zukunft aus” – das war im Jahr 2007, als Apple mit dem iPhone ein Gerät vorstellte, das mit der Gestensteuerung ein Bedienungskonzept fit für den Massenmarkt machte, das zuvor allenfalls Nerds ein Begriff war. Das war zu einem Zeitpunkt, als man sich kaum etwas anderes vorstellen konnte, als Computer mittels Maus oder Zeigestift über Fenster zu bedienen. Heute gibt es im Smartphone-Bereich nur noch iPhone-Kopien und selbst bei Desktop-PCs verzichtet Windows weitestgehend auf die namensgebende Fenster-Metapher zugunsten einer reinen App- und Wisch-Modalität.

Eine ähnliche Entwicklung könnte ich mir auch jetzt vorstellen, sollte das von Amazon-Chef Jeff Bezos vorgestellte Amazon-Smartphone eine dem iPhone vergleichbare Verbreitung finden. Spontan fragt man sich schon jetzt: ” Warum haben nicht alle Smartphone-Hersteller längst auf dieses einleuchtende Bedienkonzept gesetzt?” Die Antwort ist einfach: Weil man für die nötige jahrelange, eines Geheimdienstes würdige Forschungs- und Entwicklungsarbeit eine Kriegskasse braucht, die nicht bei allen Wettbewerbern so prall gefüllt ist wie bei Amazon.

Vor der mit Spannung erwarteten Präsentation war bereits durchgesickert, dass wohl ein “3D-Telefon” Gegenstand der nach Apple-Muster vorab stark im Obskuren gelassenen Produktvorstellung sein würde. Da dachte ich noch: “Aha, sehr gimmicky, 3D-Effekte ohne 3D-Brille, da versucht Amazon zwanghaft, sich durch Geek-Features von der Konkurrenz abzuheben.” Doch was ich dann sah, offenbarte, dass das Konzept der “Dynamic Perspective” im wahrsten Sinne völlig neue Perspektiven öffnet, und zwar für das gesamte Bedienungskonzept eines Smartphones.

Statt mit Speckfingern auf dem Screen hin- und herzuwischen, wird es künftig möglich sein, alle wesentlichen Funktionen des Geräts mit einer Hand zu bedienen, während man die andere bequem hinter dem Kopf verschränkt. Lediglich durch Kippen und Senken des Telefons in einem bestimmten Winkel kann man zwischen Apps hin- und herwechseln, nach oben und unten scrollen oder bestimmte Funktionen ansteuern. Bezos machte eindrucksvoll deutlich, wie viel Technologieentwicklung nötig ist, um ein so simples Bedienungskonzept Realität werden zu lassen.

Natürlich wird die Praxis zeigen müssen, wie viel unangenehme Nebeneffekte diese extreme Bewegungssensitivität des Bildschirms haben wird – ich kann mir unzählige Situationen vorstellen, in denen eine unwillkürliche kurze Bewegung eine ungewollte Funktion auslöst. Auch die Tatsache, dass ich zur Feststellung von Blickwinkel und -entfernung permanent von vier Kameras beobachtet und dank hochentwickelter Face-Recognition-Technologie auch erkannt werde – mittels Infrarottechnik sogar in stockdunkler Nacht – ist in Zeiten der NSA-Ausspähung nicht unbedingt eine beruhigende Vorstellung. Aber die schiere Bewunderung für das technisch Machbare überwiegt im ersten Moment der Begeisterung dann doch noch.

Das gilt auch für das von Amazon “Firefly” genannte Feature, das beispielsweise ermöglicht, durch akkustische Analyse von wenigen Sekunden eines Filmdialogs in bester “Wetten, dass”-Manier in Echtzeit zu erraten, aus welchem Film und welcher Filmminute der Dialog stammt – natürlich mit unmittelbar angekoppelter One-Klick-Bestellfunktion bei Amazon. Und in der Tat könnte das Bestellen von Produkten über das simple Abfotografieren von Gegenständen das Online-Shopping revolutionieren. Auch das Abtippen von Telefonnummern oder Internetadressen z. B. von Plakaten hat nun ein Ende – ein Klick mit dem Handy genügt, und die Kontaktinformation wird erkannt.

Natürlich betritt Amazon da auch vermientes Gebiet – wie auch Google mit seiner Datenbrille und Facebook mit seinen Gesichtserkennungsfunktionalitäten. Ich bin gespannt, wie Amazon gerade im datenschutzrechtlich hochsensitiven Deutschland die Problematik angehen wird, dass hier eine weitere Technologie auf den Massenmarkt geworfen wird, die es potenziell ermöglicht, nahezu jedes Gesicht unbemerkt vom Gegenüber datentechnisch zu erkennen und via Internet sofort mit persönlichen Informationen wie Name, Alter und Wohnort zu verbinden.

Aber der “Wow”-Effekt bleibt: Während der einstige Innovator Apple sich zuletzt abmühte, mit mäßigen Design-Innovationen wie einer halbtransparenten Benutzeroberfläche Begeisterung zu schüren, dafür aber doch eher gleichgültiges Gähnen erntete, hat ausgerechnet der Großwarenhändler Amazon ein Produkt geschaffen, das zumindest neugierig macht; und das auch noch auf dem überhitzten Markt der Smartphones, der technologisch schon längst als praktisch ausgereizt galt.

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