Parabel oder Märchenfilm: Vom Fischer und seiner Frau (2013)

vom-fischer-und-seiner-frauOstermontag ist doch eine schöne Zeit, um mal wieder in Kindheitserinnerungen zu schwelgen – die Märchen der Gebrüder Grimm gehören unbedingt dazu. Der Fischer und seine Frau ist dabei eines der Stücke aus der Grimmschen Sammlung von “Kinder- und Hausmärchen”, das am meisten satirische Züge trägt und eigentlich eher als Parabel denn als Märchen zu bezeichnen wäre. Das ZDF srahlte über die Feiertage eine Neuverfilmung dieses Klassikers aus dem Jahr 2013 aus.

In den letzten Jahren gab es einige Neuverfilmungen klassischer Märchenstoffe, die sich allesamt durch einen sehr großen Produktionswert auszeichneten und dennoch nicht den Bombast einer Großproduktion ausstrahlten, sondern den Charme der kleinen, pointierten Geschichten, die sie erzählen, wahrten. Das gilt auch für diese Fassung von Der Fischer und seine Frau, die von Christian Theede isnzeniert wurde, der mit dem tapferen Schneiderlein und dem gestiefelten Kater schon zwei ebenso hochwertige Grimm-Verfilmungen gestaltete – wie schon dort, arbeitete er auch 2013 wiederum mit dem Autorenpaar Dieter und Leonie Bongartz zusammen, die es verstehen, die oft fast sprichwörtlichen Aussprüche aus den Vorlagen zu wahren, und die Geschichte dennoch in einem zeitgemäßen Duktus zu erzählen, der auch heute noch anspricht.

Die Geschichte vom Fischer und seine Frau  ist ein niederdeutsches Märchen, das ursprünglich von dem Maler Philipp Otto Runge in vorpommerischer Mundart aufgeschrieben und den Gebrüdern Grimm zur Verfügung gestellt wurde, die es wiederum auf Plattdeutsch niederschrieben (Originaltitel: Van den Fischer un siine Fru). Übrig geblieben ist davon der berühmte Ruf, mit dem der Fischer den von ihm verschonten Butt an Land ruft, um ihn um die Erfüllung der immer maßloser werdenden Wünsche seiner Frau bittet:

Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje’ Buttje in der See,
Meine Frau, die lisebill,
Will nicht so, wie ich wohl will.

Auch in der Neuverfilmung darf dieses Zitat natürlich nicht fehlen. Die mit jedem Wunsch prachtvoller werdende Heimstatt des Paares ist wunderbar gestaltet und in die typische norddeutsche Küstenlandschaft eingepasst. Die mit jedem erfüllten Wunsch stürmischer  und unwirtlicher werdende See ist ein Abbild des Seelenlebens des Fischers, der spürt, dass Reichtum und steigende Machtfülle seiner Frau – vom Herzog über König und Kaiser bis hin zum Papst – doch nur Äußerlichkeiten sind, die mit dem Verlust menschlicher Werte bezahlt werden müssen. Gut ist die Idee, abweichend zur Vorlage noch eine mit dem Fischer befreundete Familie einzuführen, die unter den willkürlichen Entscheidungen der Fischersfrau in zunehmendem Maße zu leiden hat, bis sie das Land schließlich verlässt.

Die beiden Hauptdarsteller tragen die Erzählung mit viel Sympathie und dezenter komödiantischer Note. Gerade Fabian Busch, der bislang eher in zeitgenössischen Rollen glänzte (23 – Nichts ist so wie es scheint, Deutschlandspiel und diverse Tatort-Folgen), während er in historischen Sujets eher hölzern agierte (Der Untergang, Der Vorleser), zeigt wieder eine Seite von sich, wie man sie in seinem ersten großen Erfolg liegen lernen kennen gelernt hatte – die des sympathischen, stets bemühten Verlierertyps. Aber auch die weibliche Hauptdarstellerin Katharina Schüttler zählt zu den Schwergewichten des deutschen Films, zeigt aber keinerlei Starallüren.

Dass die opulente Optik des Films letztlich doch in einem gewissen Gegensatz zu der bewusst wortkargen, nur wenige strophenartig gestaltete Absätze umfassenden Vorlage steht, wird am Ende deutlich: Nachdem die Fischersfrau fordert, nach Papst nun auch noch Gott werden zu wollen, versetzt der Butt sie wieder in die armselige Hütte, die sie mit ihrem Mann schon am Anfang bewohnt hatte. Das Volksmärchen entlässt den Zuhörer lakonisch mit der Feststellung: “Da sitzen sie noch bis auf den heutigen Tag.” Die Rückkehr in die Armut als Bestrafung von Habgier, Maßlosigkeit und Machtbesessenheit – kein Hinweis auf eine befreiende Katharsis, eine Einsicht der Hauptfiguren mit der Aussicht auf Besserung. Der Film modelliert hier ein Happy End, indem er die Fischersfrau doch tatsächlich sagen lässt: “Lass uns das eine Lehre sein” und, da sie just in diesem Moment offenbart, schwanger zu sein, “Unsere Kinder sollen hier glücklich werden”. Wo das Märchen seine Aussage gerade durch die Knappheit der Worte transportiert und ihre Auslegung im Wesentlichen dem Zuhörer überlässt, wird die Botschaft im Film mit der Holzhammermethode konkretisiert und am Ende verkitscht.


Den ganzen Film gibt es auf Youtube zu sehen

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