Flirten mit Siri: Spike Jonzes Science-Fiction-Film “Her”

her_filmplakatWo heute noch Facebook den entkörperlichten zwischenmenschlichen Kontakt im virtuellen Freundesnetzwerk organisiert, wo eine Computerstimme namens Siri seit 2011 vom iPhone aus erste Gehversuche in Richtung autonomer IT-gestützter Interaktion unternimmt, wird in nicht allzuferner Zukunft der allgegenwärtige Alltagsbegleiter dank künstlicher Intelligenz und lernfähiger Persönlichkeit zum besten Freund, ja sogar zur alternativen Liebesbeziehung – so jedenfalls im neuen Film des durch die Celebrity-Farce Being John Malkovich als Filmemacher bekannt gewordenen ehemaligen Musikvideo-Regisseurs Spike Jonze.

Science Fiction ist per Definition eine Fortschreibung von Tendenzen der Gegenwart in eine gedachte Zukunft hinein – eine Zukunft, die wiederum immer auch eine Parabel ist auf  Zustände und Beobachtungen aus unserer Gegenwart. Je weiter sich diese gedachte Zukunft von der Jetzt-Zeit entfernt, desto märchenhafter wird der Charakter, den die Parabel annimmt. Die Filme von Spike Jonze spielen dagegen weniger in einer konkreten Zukunft als vielmehr immer in einer Art Gegenwelt, einem Alternativuniversum, in dem die Alltagserfahrung wie selbstverständlich vom Grotesken durchwoben ist – in dem alles, was im Hier und Jetzt denkbar ist, auch möglich werden kann.

Der Trick von Her ist denn auch, dass der Film heute existierende Kommunikationstechnologien nur ein Stückchen weiterdreht und in völlig plausibel erscheinenden Nutzungsszenarien einführt. Wie nah Spike Jonze tatsächlich am Puls der Zeit ist, zeigt sich darin, dass in seiner Zukunftsvision der Siegeszug der “Wearables” nicht von einer Daten- und Kamerabrille im Stile der heute so gehypten Google Glass gewonnen wurde, sondern von einem wesentlich diskreteren Ohrstöpsel, der die Mensch-Maschine-Interaktion auf die akkustische Ebene beschränkt. Angesichts der offenen Feindseligkeit, der die ersten Benutzer der Google-Brille im Alltagsbetrieb derzeit  ausgesetzt sind, erscheint die Annahme schlüssig, dass sich dieses Prinzip nicht durchsetzen wird, da es als zu intrusiv empfunden wird.

Die fortschreitende Virtualisierung unseres Alltags wird in diesem Film auch auf ganz überraschende Weise paraphrasiert: In Zeiten, in denen der eigene Lebenslauf, mit dem man sich Freunden und Bekannten präsentiert, von einer durch Computer-Algorithmen kuratierten, auf beste Lesbarkeit getrimmten Facebook-Timeline repräsentiert wird, ist die Akzeptanz eines Mediums als gestaltende Kraft privater Kommunikation in Jonzes Film-Welt so weit verbreitet, dass private Korrespondenzen wie Glückwunschschreiben oder Liebesbriefe von zahlenden Kunden an professionelle Briefagenturen ausgelagert werden. Statt E-Mails sind es Briefe, die per Post verschickt werden, aber vom Computer täuschend echt in der Handschrift des Auftraggebers ausgedruckt werden, inklusive der kleinen Unregelmäßigkeiten, die eine menschliche Handschrift so unverwechselbar machen (ein weiteres Beispiel dafür, wie Jonze existierende Technologien zu Ende denkt, denn schon heute ist es möglich, die eigene Handschrift als Zeichensatz in Textverarbeitungsprogramme zu integrieren, allerdings ohne die charakteristischen Unregelmäßigkeiten). Eine subtile satirische Zuspitzung: Die persönlichste aller Ausdrucksformen wird outgesourct und durch moderne technische Prozesse entpersonalisiert, erscheint aber nach außen hin im denkbar altmodischsten, aber nur scheinbar individuellen Retro-Look. Man mag sich eine Gesellschaft kaum vorstellen, in der die Menschen ihre privatesten Botschaften nur noch indirekt von Auftragsschreiber zu Auftragsschreiber austauschen und derjenige, der sich das nicht leisten kann, womöglich als minderbemittelt erscheint und keinen Kontakt mehr findet.

Das Parabelhafte des Films zeigt sich auch darin, das er eine Geschichte erzählt, die übersetzt werden kann in ein Werben für die Akzeptanz alternativer Lebens- und Beziehungsentwürfe. Das Bild von Theodore, der von Joaquin Phoenix gespielten Hauptfigur, ist auf dem Filmplakat nicht zufällig unter den titelgebenden Schriftzug Her gelegt. Er ist die Vollendung des metrosexuellen Mannes, wie sie in einigen Jahren durchaus gelebte Realität werden könnte. Mit völliger Selbstverständlichkeit setzt er seinen Sinn für genuin weibliche Befindlichkeiten offensiv für eine erfolgreiche berufliche Karriere ein: Er ist ein gefragter Autor in einer der oben geschilderten Briefagenturen, wobei er sich auf die Briefe weiblicher Auftraggeber spezialisiert hat, da er über ein außerordentliches Einfühlungsvermögen gegenüber der Emotionswelt von Frauen verfügt. Der Filmtitel ist also bewusst doppeldeutig gewählt und bezieht sich einerseits auf den ambivalenten männlichen Protagonisten; andererseits aber auch auf die computergesteuerte Kunstfigur, die ihm lediglich als körperlose weibliche Stimme begegnet, die aber eine so starke Persönlichkeit entwickelt, dass er sich in eine Liebesbeziehung verstrickt. Diese erscheint zunächst abnorm, wird aber im Film selbst auf einer Ebene diskutiert wie heute Lebensentwürfe, die noch an Geschlechterrollen geknüpft sind: lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell-queer. Zukünftig könnte diese Reihe durch die Eigenschaft “virtuell” erweitert werden, wobei hier nicht nur von künstlicher Intelligenz (KI) die Rede ist, sondern weiter gehend von einer künstlichen Persönlichkeit (wofür man die Abkürzung “KP” prägen könnte).

Gegen Ende verlässt der Film diese auf unsere Alltagswelt abbildbare Parabelhaftigkeit, indem er sich darauf festlegt, dass die von Theodores virtueller Freundin geäußerten Emotionen nicht in einer (künstlich geschaffenen) menschlichen Gefühlswelt wurzeln, sondern nur die erste Evolutionsstufe einer auf reinem Intellekt basierenden neuen Lebensform darstellen. Hier kippt der Film dann doch in reine Science Fiction – und verliert den Charme der Alltagsbezogenheit, der ihn über weite Strecken prägt.

Dass eine solche Prämisse nicht ins Lächerliche umkippt, ist einer exzellenten Darstellerriege geschuldet.  Joaquin Phoenix zeigt hier nichts mehr von der leicht manieristischen Rastlosigkeit, die etwa seine Auftritte als größenwahnsinniger römischer Kaiser in Ridley Scotts Antikendrama Gladiator (2000) oder als authistischer Dorfbewohner in M. Night Shyamalans Psychothriller The Village (2004) geprägt hatten, sondern ist kaum wiederzuerkennen als in sich ruhender Mensch der Masse, als Jedermann ohne besondere Eigenschaften, bei allem Understatement jedoch ausgearbeitet mit detailliert und stimmig ausgestaltetem Mienenspiel. Seinen Gegenpart bildet kongenial Scarlett Johansson, die der “Siri”-Weiterentwicklung  in der Originalfassung ihre Stimme leiht. Ihre Sprechweise erinnert in Betonung und Modulation in keiner Weise mehr an eine Computerstimme. Anfangs noch durch Eloquenz, Elan und Humor geprägt – Eigenschaften, die im Prinzip noch als Resultat einer hochentwickelten Programierung denkbar sind – entwickelt sie eine Empfindsamkeit und Nachdenklichkeit, die so eindringlich wohl selten in einer reinen Sprechrolle im Kino zu hören war. Ergänzt wird das Ensemble durch Amy Adams als Theodores befreundete Nachbarin und Vertrauensperson, die ihre Rolle mit einer Spontaneität und Natürlichkeit spielt, die den Film und seinen Protagonisten zusätzlich erdet.

Fazit: Sehenswert und mit interessanten Denkanstößen, die immer dann zur Geltung kommen, wenn sie nicht von einigen (durchaus vorhandenen) Längen und melodramatischen Schlenkern überlagert werden.

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