Eine Minute für die Malerei: Max Liebermanns Netzflickerinnen

liebermann_netzflickerinnenDenkt man an impressionistische Malerei, so kommt Einem meist die leichte südfranzössiche Sommerlichkeit eines Paul Cézanne oder Édouard Manet in den Sinn. Einen völlig andersartigen Eindruck, obwohl der gleichen Stilrichtung zuzuordnen, erweckt die eher nordisch karg anmutende Malerei Max Liebermanns, hier am Beispiel seines Bildes “Die Netzflickerinnen”, das zwischen 1887 und 1889 in seiner Heimatstadt Berlin entstand.

Hoch aufgerichtet steht eine junge Frau im Sturmwind, der dunkle Wolken über die flache Küstenebene treibt. Bis zum fernen Horizont sind Frauen damot beschäftigt, die auf dem Boden ausgebreiteten Netze zu flicken, zusammenzulegen, neu auszubreiten. Die junge Frau hat in der Arbeit innegehalten, sie blickt zum Meer, das aber auf dem Bild nicht sichtbar ist. Der Sturm presst ihr die Kleider gegen den Körper, mit dem Rücken stemmt sie sich gegen den Wind. Der Heftigkeit des Sturmes entspricht der sorgenvolle Blick der jungen Frau. Dort auf See entscheidet sich das Schicksal der Küstenbevölkerung, dorthin wandern die Gedanken der daheim gebliebenen Frauen, wenn die Männer zum Fischfang herausgefahren sind, von dort fürchtet man die das Land bedrohende Sturmflut.

Es ist kein Wunder, das dieses Bild heute in der Hamburger Kunsthalle hängt, handelt es sich hierbei doch um eine der paradigmatischsten und gleichzeitig emotional ergreifendsten Darstellungen des einfachen Lebens der Küstenbevölkerung Norddeutschlands. Der damalige Direktor hatte es 1889 unbesehen für die seinerzeit enorm hohe und gänzlich von Spendern aufgebrachte Summe von 1000 Mark erworben.

Beeinflusst wurde Liebermann von der holländischen Genre-Malerei, hatte er doch mehrere Jahre in den Niederlanden verbracht und dort schon erste Studien zu seinen berühmten “Netzflickerinnen” angefertigt. Besonders interessant ist der Vergleich zu einer während seines Holland-Aufenthaltes um 1884 entstandenen Zeichnung. liebermann_netzflickerinnen_zeichnungIm Vergleich zur Dramatik des Gemäldes ist die Szenerie hier geradezu idyllisch und ruhig. Der schicksalsschwere Sturm, der das Ölbild bestimmt, ist hier nur angedeutet. Männer und Frauen tun gemeinsam ihre Arbeit. Die Männer tun das körperlich schwere, sie breiten die nassen Netze aus. Die Frauen sitzen im Gras und flicken die Netze mit der Nadel. Im Mittelgrund ist auch hier die junge Frau mit dem vom Wind nach vorne gewehten Kleid zu sehen. Ihre Wendung zum Meer hin ist allerdings noch dadurch begründet, dass sie mit einem Mann zusammen ein Netz ausbreitet. In der Komposition des Ölbildes rückte Liebermann die junge Frau ganz nach vorn – wie er auch die Darstellung insgesamt auf die Arbeit der Frauen allein zuspitzte und die Männer aus dem Bild verdrängte. Liebermann hat als einer der ersten deutschen Künstler die Tätigkeit der aus den unteren sozialen Schichten stammenden Frauen ernst genommen – was ihn im monarchistisch-patriarchal geprägten Preußen nicht eben populärer machte; die “Netzflickerinnen” wurden denn auch nicht dort, sondern auf der Weltausstellung in Paris das erste Mal gezeigt.

millet_angelusDie Faszination für Szenen, welche die einfache Bevölkerung bei der Arbeit im Freien zeigen, teilte Liebermann mit Jean-François Millet, dessen Malerei ihn derart beeindruckte, dass er 1874 an dessen Wohnort im nordfranzöischen Barbizon gezogen war. Hier eines der bekanntesten Bilder Millets, “Das Angelüsläuten” (1857-59). Die Ernsthaftigkeit und das Pathos der schweren Bauerngestalten Millets wirkt in der hoch über den Horizont ragenden Symbolgestalt der Netzflickerin noch nach. Das Bild stellt damit eine Ausnahme dar in der sonst eher holländisch-sachlichen Malerei Liebermanns.

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