Hip-Hop und Rap – Musikstil und Popkultur

hip-hop-graffitiHeute möchte ich auf eine der interessantesten und facettenreichsten Strömungen der Popkultur eingehen, den oft unterschätzten Hip-Hop. Was macht das Besondere dieser musikalischen Stilrichtung aus? Das möchte ich in dem folgenden Abriss zur historischen Entwicklung des Hip-Hop darstellen.

Was zunächst auffällt, ist die Virtuosität, mit der die Protagonisten dieser Stilrichtung vorhandene musikalische Artifakte manipulieren, neu kombinieren und so zu eigenständigen Werken werden lassen. Es waren die DJs in den Discos der 70er Jahre, die beim Abspielen der populären Hits eine zunehmende Kreativität bewiesen.

DJ Kool Herc

DJ Kool Herc

Anstatt sie im Sinne ihrer Urheber linear abzuspielen, griffen sie, wie der aus Jamaika stammende DJ Kool Herc in den Clubs der New Yorker Bronx nurmehr auf die Beats der Stücke zurück und arrangierten sie durch das parallele Abspielen zweier Platten mit dem Rhythmus eines anderen Stückes völlig neu – ein Vorgang der auch als “Beatjuggling” bekannt wurde. Der entsprechend rhythmusgeprägte Tanz-Stil dazu entwickelte sich zum “Breakdance”.

Hier wird schon sichtbar, wie sich Hip-Hop-Begriff nicht nur auf eine Musikrichtung einschränken lässt, sondern immer auch eine ganze Subkultur beschreibt. So entwickelte sich aus den “Breakern” der Begleitcrew des von Kool Herc inspirierten New Yorker DJs Afrika Bambaataa heraus die “Zulu-Nation”, eine weltweite Musik-, Sozialdienst- und Kunst-Organisation, in der sich die künstlerisch Aktiven zu organisieren versuchten, um so dem Gang-Wesen etwas entgegenzusetzen.  Namensgebend war der britische Spielfilm Zulu aus dem Jahr 1964 mit Michael Caine, der die afrikanische Nation der Zulu durch Tapferkeit und Zusammenhalt als Helden darstellt – ein Ansatz, der im Amerika der frühen 60er Jahre, als die Rassentrennung noch eine feststehende Realität im allgemeinen Alltag war, geradezu revolutionär erschien. Auch das Graffiti-Writing war eine der künstlerischen Ausdrucksformen, mit denen die vom Hip-Hop geprägte Jugendkultur gegen herkömmliche gesellschaftliche Sitten und Strukturen aufbegehrte.

Grandmaster Flash

Grandmaster Flash

Der aus Barbados in die USA eingewanderte DJ Grandmaster Flash entwickelte ab 1976 weitere wichtige DJ-Techniken wie das Cutting (hierbei wird ein Liedanfang mit dem Ende des alten Liedes kombiniert, indem bestimmte Liedfragmente des neuen Liedes über das al,te Lied gelegt werden),  das Backspinning (wo die Platte zur Wiederholung eines bestimmten Abschnitts schnell rückwärts gedreht wird) und das Phasing (bei dem durch die geringfügige Verringerung der Geschwindigkeit eines der beiden Plattenteller ein Phaseneffekt erzeugt wird). Als weitere wesentliche Innovation des Hip-Hop wäre das Beatboxing zu nennen, mit dem sich viele der späteren Hip-Hop-Künstler von herkömmlichen Popmusikern abheben sollten. Dabei werden Beats, die zur Begleitung von Popmusikstücken üblicherweise von Drumcomputern (umgangssprachlich “Beat Boxes”) erzeugt werden – zuweilen auch Scratches oder Schlagzeug- und andere Perkussionsrhythmen, seltener auch weitere Instrumente und andere Klänge – mit dem Mund, der Nase und dem Rachen imitiert. Der bekannteste der vom Hip-Hop geprägten musikalischen Effekte ist aber das Scratchen: Das Erzeugen von Tönen durch rhythmisches Hin- und Herbewegen einer laufenden Schallplatte auf einem Plattenspieler bei aufgelegter Nadel. Dabei können die Töne mit dem Crossfader des Mischpultes rhythmisch ein- und ausgeblendet werden, um diese zu neuen Melodien zusammenzufügen. Die Schallplatte liegt dabei auf einer Slipmat, die es ermöglicht, die Schallplatte unabhängig vom Plattenteller zu drehen. Das Scratching wurde erstmals angewandt vom dritten großen Pionier der Hip-Hop-Szene, DJ Grand Wizard Theodore. Wie es die Legende will, soll er diese Technik der gewaltsamen Manipulation von Schallplatten in seiner Jugend erfunden haben als Trotzreaktion gegen seine Mutter, als diese ihn wegen zu lautstarker Betätigung des Plattenspielers ermahnte.

Grand Wizard Theodore ist auch einer der ersten großen Vertreter der Rap-Musik, einem weiteren wesentlichen Bestandteil des Hip-Hops. Das Rappen (von engl. to rap = “klopfen” bzw. pochen”) ist ein Sprechgesang, bei dem die Sprache durch extrem starke Rhythmisierung von Worten und Sätzen gleichsam zum Musikinstrument wird. Der Rap in seiner heutigen Form geht zurück auf die sogenannten MCs, die “Masters of Ceremony” (wörtlich “Zeremonienmeister”), die Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre die DJs begleiteten, ihn und sich selbst vorstellten (das sogenannte „shouting out“), das Publikum zwischen den Stücken oder in den Übergängen zum Tanzen aufforderten, Witze machten, Besucher grüßten und so quasi als „Animateure“ die Menge zum Feiern anfeuerten. Das Vorbild dafür waren die Deejays der jamaikanischen Soundsystems.

Eine andere Spielart des Rap, die sich von dem aus der Entertainment-Industrie stammenden Audience-Warm-Up grundlegend unterschied, wurde durch die Last Poets definiert, einer afroamerikanischen Gruppe von Musikern und Dichtern, die Ende der 1960er Jahre infolge der Bürgerrechtsbewegung zusammenfand. Deren erstes Album, das 1970 unter Mitwirkung von Alan Douglas, dem Produzenten von Jimi Hendrix, entstanden war, führte die Schlagkraft politischer Texte, die von der Sprache von Malcolm X geprägt waren, in die Rap-Szene ein.

Der Hip-Hop der frühesten Zeit ist weitgehend ohne Tondokumente, da es die Zeit der DJs war und Platten, auf denen Platten abgespielt wurden, in der Musikindustrie als chancenlos galten. Erst später entstanden nach der Konsolidierung des Hip-Hop als eigener Stil mit eigenen Techniken sogenannte Mixtapes. Die erste Hip-Hop-Schallplatte erschien so erst 1979, als die Discoband Fatback Band zusammen mit dem Rapper King Tim III die Single Personality Jock veröffentlichte. Eine Woche später erschien auch das berühmte Rapper’s Delight der Sugarhill Gang, das zur Überraschung aller Beteiligten ein Riesenerfolg war, und von dem weltweit über 8 Millionen Stück verkauft wurden. Der erste große Rapstar allerdings war Kurtis Blow, der bereits mit seiner ersten Single Christmas Rap weltweit erfolgreich war und es mit seinen folgenden Alben bis in die Mitte der 80er-Jahre blieb.

Mit Beginn der 1990er-Jahre ersetzte der zuvor für dieses Musikgenre eher selten genutzte Begriff Hip-Hop zunehmend die bislang verwendete Bezeichnung Rap. Mit dem Auftreten von N.W.A und Public Enemy begann nicht nur das Zeitalter des Gangsta-Rap. Andere sogenannte West-Coast-Künstler wie Dr. Dre, Snoop Doggy Dogg und 2Pac traten plötzlich hervor, und zum ersten Mal war New York (die „East Coast“) nicht mehr das Zentrum des Hip-Hop. Es entwickelte sich ein regelrechter Krieg zwischen den Küsten, der bald längst nicht mehr nur auf den wirtschaftlichen Wettstreit um das meistverkaufte Hip-Hop-Album beschränkt war und 1996 in der Ermordung zweier wesentlicher Protagonisten der Ost- bzw. Westküste gipfelte (2Pac und Notorious B.I.G.)

Musikalisch gab es in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre bedeutende Neuerungen. Besonders die Beats wurden komplexer, worin man den Einfluss von Stilen wie Reggae und Dancehall (Raggamuffin Hiphop), aber auch des Oldschool-Hip-Hop und des Electro Funk der 80er-Jahre hören konnte. Zudem wuchs die Stilrichtung des Hip-Hop immer weiter mit der des Soul und des R&B zusammen, um 2000 erreichte der Einfluss auch die “normale” Popmusik wieder. Bedeutende Alben kamen in dieser neuen Ästhetik von Wyclef Jean (The Carnival, 1997) und Lauryn Hill (The Miseducation of Lauryn Hill, 1998).

Zwar hatte offiziell keine der Küsten gesiegt, in den folgenden Jahren aber wurde über den Weg des Plattenmarktes deutlich, dass es weder der politische “conscious rap” noch die intellektuelle Schule der “Native Tongues Posse” aus dem Osten war, die sich durchgesetzt hatten. Der Hip-Hop-Markt der Gegenwart wird dominiert von den Gangstarappern der Westküste, ihren Zöglingen und Nachfolgern. Seit der Jahrtausendwende ist jedoch die Dominanz der West-Coast-Rapper stark zurückgegangen und die Eastcoast beziehungsweise seit etwa zwei Jahren auch der Südstaaten-Rap “Down South” – der äußerlich vor allem durch das exzessive Zurschaustellen des eigenen Reichtums durch das Tragen von überdimensioniertem Schmuck – dem “Bling-Bling” – auffällt, haben der Westküste den Rang abgelaufen.

Eminem

Eminem

In den letzten Jahren hat aber vor allem eine Szene auf sich aufmerksam gemacht, nämlich die in Detroit. Größtenteils ist dies ihrem berühmtesten Vertreter Eminem geschuldet, der über seinen Ruhm die Karrieren anderer Künstler wie D12, G Unit, Obie Trice oder 50 Cent wesentlich initiierte. Allerdings ist Eminem selbst eine Entdeckung des West-Coast-Rappers Dr. Dres, der mit Aftermath Records inzwischen auch eine Filiale in New York betreibt.

Ab 2005, als Eminem sich in eine kreative Pause zurückzog, nahm die Dominanz der Detroiter Szene rapide ab und Crossover-Musiker wie Kanye West und Gnarls Barkley konnten große Erfolge verzeichnen. Hierbei ist vor allem der Wettlauf um Verkaufszahlen im Herbst 2007 zwischen Wests Album Graduation und 50 Cents’ Curtis zu beachten. Schlussendlich konnte Graduation das Rennen für sich entscheiden und bewies, dass innovative Rapmusik genauso kommerziell erfolgreich sein kann wie Gangsta Rap. Dies wurde durch Chartpositionen von Künstlern wie K’naan, Kid Cudi, Drake oder Nicki Minaj in den folgenden Jahren bestätigt.

Seit Anfang der 1990er-Jahre hat sich Hip-Hop international verbreitet. Dabei haben sich typische Stile der einzelnen Länder herauskristallisiert, insgesamt aber bleiben die Interpreten aus den USA tonangebend. Kommerziell erfolgreiche Rapper aus Deutschland sind neben den etablierten Fantastischen Vier, die aus Stuttgart stammen, auch Sido oder Bushido, die beide der vielfältigen berliner Hip-Hop-Szene angehören. Bushido, dessen Künstlername sich von dem Verhaltenskodex der Samurai herleitet (wörtl. “Weg des Kriegers”),  hat als massenmedientauglicher und hoffähiger Vertreter einer für Integration von migrantischen Einwohnern stehenden politischen Ausrichtung des Rap über viele Jahre hinweg mit Erfolg das Image des intelligent-frechen Underdogs gepflegt. Auch Teile des Feuilletons fühlten sich zu Bushido hingezogen und waren vom vermuteten augenzwinkernd-ironischen Geplänkel des Parade-Unterschichtlers begeistert. Seit 2012 wird die Bushido-Berichterstattung allerdings eher durch die Boulevardmedien dominiert, die mit immer neuen Schlagzeilen zur angeblichen Verbindung Bushidos zur organisierten Kriminalität in Gestalt eines berlinerisch-libanesischen Familienclans nach Aufmerksamkeit heischen.

Diese letzte Episode macht noch einmal das schillernde Faszinosum aus, das von der Hip-Hop-Szene ausgeht: Mag man ihren Protagonisten – zumeist eher grobschlächtigen Popmusik-Aficionados, die ihre Herkunft aus der Unterschicht ebenso wohlkalkuliert zur Schau stellen wie ihren neu gewonnenen Reichtum – doch nahezu alles zutrauen. Das hervorstechendste Merkmal des Rappers schlechthin ist neben neben seiner Selbstreflexitivität, mit der gerade Bushido in seinen Texten immer wieder auf das soziale Umfeld seiner Herkunft und die Verhältnisse in der Popmusik-Industrie bezug nimmt, die traditionell überbordende Verwendung von Schimpfwörtern und “No-Words”, mit denen die wohlerzogene Mittelschicht unweigerlich provoziert wird. So entsteht eine Subkultur jenseits aller Normen des Mainstreams.

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