Eine Minute für die Malerei: Gabriele Münter

Eine Künstlerin, die in der Bekanntheit expressionistischer Maler oft zu Unrecht hinter männlichen Kollegen wie Franz Marc, Ernst Ludwig Kirchner oder Emil Nolde zurücksteht, ist die 1877 in Berlin geborene Gabriele Münter. Da staatliche Kunstakademien Frauen zu dieser Zeit noch verschlossen waren, erarbeitete sie sich ihre Fähigkeiten vollkommen autodidaktisch – und entwickelte einen einzigartigen Stil, der, obwohl er dem Geiste ihrer männlichen Vorbilder verpflichtet war, stets unverwechselbar blieb. 

105039-lenbachhaus-bilderr8201-14-03-muenter1911 entstand ihr Ölgemälde Dorfstraße im Winter. Die Fassaden der Häuser erscheinen hier fast wie menschliche Gesichter. Die eigentliche Straße, die das vordere Drittel des Bildes ausfüllt, ist plakativ flächig angelegt und farblich zweigeteilt: Blaugrün im Vordergrund, offensichtlich ein Schatten auf der dahinter weißen, schneebedeckten Straße. Auf perspektivische Genauigkeit wird keinen Wert gelegt. Die Häuser werden kubisch vereinfacht, verlieren aber nichts von ihrer Individualität.

In Bezug auf die Farbgestaltung hat sich die Künstlerin mit größter Selbstverständlichkeit jede Freiheit gegenüber einer realistischen Darstellung genommen. Ein leuchtend rosafarbenes Haus mit grünen Fenstern betont die Mitte; ein grünes Häuschen daneben hat blaue Fenster. Dazwischen schaut eine rote Fassade mit blauem Dach hervor – eine Häuseransammlung wie aus dem Baukasten. Im vorderen linken Teil des Bildes hängen blaugraue, frostig steif gefrorene Wäschestücke auf der Leine. An diesen Beispielen ungewöhnlicher Farbgebung erkennt man die Intention der Künstlerin. Statt einer realitätsnahen Abbildung war ihr – ganz im Sinne des Expressionismus – daran gelegen, wiederzugeben, was sie fühlte: Man spürt geradezu die Kälte eines Wintertages auf dem Lande. Die Häuser scheinen sich aneinander zu schmiegen, der föhnige stahlblaue Himmel verstärkt die eisige Atmosphäre.

Kandinsky_Studie_Winter_Study_VD220_gMünters Lehrmeister und damaliger Lebensgefährte Wassily Kandinsky bearbeitete zur gleichen Zeit das gleiche Thema. 1910 malte er das Bild Studie Winter. Seine Darstellung einer winterlichen Szenerie ist jedoch noch stärker vereinfacht als bei Gabriele Münter. Die Häuser des Dorfes, der Kirchturm, die Bäume – sie sind nur noch Zeichen; Straßen und Felder – reine Farbimpressionen. Während Kandinsky schon sehr früh auf die Abstraktion zusteuerte, als deren Erfinder er sich sah, blieb Gabriele Münter weitgehend dem Gegenständlichen verhaftet.

muenter-gabriele-das-russenhaus-1931-gWährend die abstrakte Malerei international an Boden gewann, ging Gabriele Münter ihren eigenen Weg weiter. 1931 malte sie ihr Haus in Murnau – ihr für mich persönlich schönstes Bild, vermag es doch die reduzierende Maltechnik des Expressionismus mit einer fast fotografischen Liebe fürs Detail zu vereinen und  die sommerlich-leichte Stimmung der parkähnlichen Anlage auf sehr innerliche Weise zu vermitteln.

Anlässlich einer Ausstellung ihrer Werke hatte Kandinsky schon 1913 bemerkt:

Ihre Bilder sind durchweg mit einem fein und richtig empfundenen Maße der äußeren Kraft gemalt, wo jede Spur von weiblicher oder männlicher Koketterie – der Mache – fehlt. Wir möchten fast sagen: Die Bilder sind bescheiden gemalt, das heißt, nicht des äußeren Aufwands wegen, sondern aus reinem inneren Trieb entstanden.

Besser könnte man das Anliegen expressionistischer Kunst nicht zusammenfassen.

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