Das Internet ist kaputt. Zur gesellschaftlichen Dimension der globalen IT-Sicherheits-Affäre

Der britische "Guardian" trägt seit Monaten zu den höppchenweise verabreichten Snowden-Enthüllungen bei

Der britische “Guardian” trägt seit Monaten zu den höppchenweise verabreichten Snowden-Enthüllungen bei

Tröpfchenweise werden die Enthüllungen aus dem Fundus von Whistleblower Snowden derzeit an die Öffentlichkeit gegeben. Kaum eine Woche vergeht ohne eine neue Information zu den Vorgehensweisen der Geheimdienste beim Ausforschen unserer digitalen Fußabdrücke. Die Dreistigkeit der bekannt gewordenen Methoden steigert sich dabei von Mal zu Mal – glaubte man, schlimmer könne es nicht mehr kommen, stellte jede Enthüllung die Monstrosität der jeweils vorangegangenen immer noch mühelos in den Schatten. Doch die Empörung, die aus der Berichterstattung der “aufgeklärten Medien” spricht, geht vielfach am eigentlichen Kernproblem vorbei.

Die zuletzt im Spiegel publizierten Methoden erinnern an düstere Sciencefiction-Plots aus Cyberpunk oder Neo Noir. Mehr denn je wird offenbar, dass es nicht darum geht, ob ein Geheimdienst etwas tun kann, sondern ob er es tun darf. Die Forderung an Internet-Service-Provider, ihre Dienste nur noch mit durchgängiger Verschlüsselung anzubieten, ist hilflos, da die von staatlicher Seite zugelassene Machtfülle der Geheimdienste es ihnen erlaubt, dass sie auch die am ausgefeiltesten geschützten Sicherheitsmechanismen umgehen können – für die großen IT-Sicherheitsunternehmen ist das Rennen um ungehackte Verschlüsselungsalgorithmen wie ein Lauf Hase gegen Igel. Das alles ist indes nichts Neues – bereits im Jahr 2005 sah Frank Rieger, der Sprecher des Chaos Computer Clubs, das Zeitalter der totalen digitalen Überwachung aufziehen. Das Fazit seiner düstern Voraussage von damals: “Wir haben den Krieg verloren“.

Die Lösung der Problemstellung ist also nicht auf der technischen Ebene zu suchen – denn hier können sich die Geheimdienste auf die eine oder andere Weise zu jeglichem digitalen Datensatz früher oder später Zugriff verschaffen – sondern auf der juristischen. Die Antwort der Geheimdienste auf die Frage, warum sie beim Abschöpfen von Daten auch vor der breiten Masse der Normalnutzer nicht halt machen, scheint sich derzeit auf die schlichte Maxime reduzieren zu lassen “Weil wir es können”. Hier müssen die Staaten auf übernationaler Ebene gesetzliche Regelungen schaffen, die eine wirksame Selbstbeschneidung der Geheimdienste bewirken, so dass diese bei der Auswahl der gegebenen technischen Mittel nicht mehr alles nutzen können, was ihnen opportun erscheint, sondern dabei einer rigorosen, an gesellschaftlichen und ethischen Gesichtspunkten orientierten demokratischen Kontrolle unterliegen.

Oder, wie es der britische Podcaster Tom Pritlove vor Kurzem beim 30. Chaos Communication Congress formulierte: “Wir müssen das Internet neu erfinden“. Die Logik dieser Aussage ist bestechend – ein Computer, der an so vielen Stellen so weitgehend kompromittiert ist wie das Internet heute, würde von jedem verantwortlich denkenden Administrator ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Verkehr gezogen und komplett neu aufgesetzt werden – ein hoffnungsloser Fall.

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4 Antworten auf Das Internet ist kaputt. Zur gesellschaftlichen Dimension der globalen IT-Sicherheits-Affäre

  1. Der Gute heißt allerdings Tom Pritlove.

  2. Nach dem ich noch mal darüber nachgedacht habe, würde ich der letzten Aussage widersprechen wollen. Computer werden ständig so weitgehend kompromittiert wie das Internet und werden deshalb auch nicht neu aufgesetzt. Man darf ja nicht vergessen, dass das Internet aus vielen Computern + Usern besteht – und hier muss man ganz klar sagen, dass die Technik in einem genauso schlechten Zustand wie die User ist. Das fängt bei uralter Hardware an, die mit embededded software läuft und seit Internet-Äonen nicht mehr aktualisiert wurde (und auch gar nicht (mehr) aktualisiert werden kann) und geht über Userland-Software, die ebenfalls seit Internet-Äonen auf den Desktops vor sich hin schimmelt (EOL WinXP ist dieses Jahr. Nach 14 Jahren!). Dazu kommen dann noch all die sozialen Sicherheitsprobleme, bei denen es (gefühlt?) auch keinen Fortschritt gegeben hat: Noch immer funktioniert Phising prächtig und selbst so absurde Dinge wie die Nigeria-Scams ziehen weiterhin.

    Vielleicht wäre es doch gar nicht schlecht, wenn man doch wieder ein Trottel-Internet, so eine Art Gated Internet wie AOL damals, aufmachen würde, in das man nur mit ePerso + Realname und “zertifizierter” Client-Software reinkommt (die man natürlich überwachen kann, ist ja klar) und Anbieter nur nach irgendwelchen absurden Prüfungen zulässt. Das würde immerhin dafür sorgen, dass ein Großteil der Benutzer schlicht von den größten Bedrohungen nicht betroffen wäre.

    // geschrieben am 7434. September 1993

    • Es wäre schon grob fahrlässig, wenn ein Sysadmin in einem Unternehmen einen Rechner, der in einem Maße kompromittiert ist, wie das Internet, einfach unverändert am Netz lassen würde. So war der Vergleich gemeint. Und deine Idee eines Gated Internet wäre ja auch nichts anderes als ein Neuaufsetzen des Systems.

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