Filmkritik: We Steal Secrets: The Story of Wikileaks

Gleich zwei Filme beleuchten derzeit das hochaktuelle Thema um Whistleblowing und Daten-Transparenz am Beispiel der Enthüllungsplattform Wikileaks. Während der mit Daniel Brühl und Benedict Cumberbatch durchaus prominent besetzte Spielfilm Inside Wikileaks gerade spektakulär gefloppt ist, hat sich die Dokumentation We Steal Secrets: The Story of Wikileaks, die mittlerweile auf DVD erschienen ist, diesen Sommer durchaus achtbar an der Kinokasse geschlagen (166 Mio. $ auf dem amerikanischen Markt bedeuten für einen Dokumentarfilm ein recht gutes Einspielergebnis).

Und diese Doku habe ich mir jetzt angesehen. Mein Eindruck: Es handelt sich um sehr gut gemachtes Handwerk – ihre beabsichtigte Wirkung erzielt sie gekonnt (wenn auch kalkuliert). Beginnend mit einer guten Portion Bewunderung für das Anliegen und die ersten Erfolge von Wikileaks, kommt der Film in seiner zweiten Hälfte zu dem Schluss, dass aller Idealismus, der am Anfang der Bewegung stand, schließlich durch die Maßlosigkeit und Selbstverliebtheit ihres Protagonisten Julian Assange korrumpiert worden sei. Diese Entwicklung wird mit einem klaren Spannungsbogen erzählt und weist eine enorme Detailfülle an Dokumentarmaterial auf – z. B. Videos von internen Besprechungen der Gruppe – die unter Anderem ehemalige Mitstreiter von Assange (die in dem Film als Kronzeugen gegen ihn auftreten) beigesteuert haben.


US-Trailer

Der US-Soldat Bradley Manning, der eine der spektakulärsten Enthüllungen in der Geschichte von Wikileaks emöglichte, indem er das Video mehrerer von den amerikanischen Streitkräften versehentlich ermordeten Angehörigen ausländischer Presseorganisationen an die Internetplattform übergab, wird in der am Ende klaren Täter-Opfer-Dramaturgie zum Leidtragenden der zunehmend verantwortungslosen Radikalität, mit der Assange seine Veröffentlichungen betrieb, ohne das anfangs selbstverordnete höchste Gut des Informandenschutzes noch länger gewährleisten zu können. Ausführlich werden die psychologischen Hintergründe ausgeleuchtet, die den Soldaten zum Whistleblower machten. Dabei wird er (der heute als Frau unter dem Namen Chelsea Manning lebt und eine 35jährige Haftstrafe in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis absitzt) auch zum Märtyrer und zum Opfer der in der US-Armee wie unter einem Brennglas fokussierten gesellschaftlichen Vorurteile gegen sexuelle Andersartigkeiten stilisiert. Das wird insbesondere erreicht, indem vor schwarzem Hintergrund immer wieder Ausschnitte aus Internet-Chats eingeblendet werden, in denen sich Manning gegenüber dem Wikileaks-nahen Hacker Adrian Lemo offenbarte (der ihn letztendlich verriet).

Gesponsertes Werbeplakat, wie es im Film gezeigt wird (Bildschirmfoto)

So entsteht ein hochemotionales Drama, das durch die Verwendung von Protokollen, die an die Stelle der herkömmlichen Zeitzeugen-Interviews treten und wie diese stets durch Dokumentarfotos und -filme unterlegt werden, die deren Authentizität bezeugen sollen, immerhin ein formal innovatives Element enthält. Freilich unkontrollierbar ist, wie stark die zitierten Chat-Passagen editiert und für den Film angepasst worden sind. Wie manipulativ der Film teilweise vorgeht, zeigt sich gerade an der Episode um die Zivilisten-Morde im Irak: Ausführlich wird das von Wikileaks publizierte Armee-Video gezeigt, das aus Sicht der Soldaten aus dem 800 Meter hoch fliegenden Helikopter heraus eine Gruppe nur schlecht erkenntlicher Männer zeigt, von denen zwei eine Waffe zu tragen scheinen (tatsächlich waren es Kamera-Objektive, die die Presseforografen über die Schulter gehängt trugen). Angereichert wird das Material dann aber von detailscharfen Farbfotografien, die in aller Brutalität die zerfetzten Körper der Opfer zeigen – Bilder, die Wikileaks bei der usprünglichen Publikation gar nicht vorlagen, die aber entscheidend dazu beitragen, dass sich der Zuschauer zu Beginn des Films emotional noch klar auf die Seite der Wikileaks-Enthüller schlägt. Um so größer ist die Fallhöhe, aus der man sie dann, als sich die positive Betrachtungsweise umkehrt, aufprallen lassen kann.


Das von Wikileads aufbereitete Army-Video, das die Tötung der Zivilisten zeigt

Kein Wunder ist, dass sich Wikileaks ausdrücklich von dem Film distanzierte und sogar ein Transkript veröffentlichte, in dem die Dokumentation Wort für Wort kommentiert wird.

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