Filmkritik: Argo

Vor knapp einem Jahr war der Film Argo über die vom US-Geheimdienst unter dem Vorwand angeblicher Drehortbesichtigungen für ein fiktives B-Movie Hollywoods organisierte geheime Ausreise von sechs Angehörigen der von iranischen Studenten besetzen amerikanischen Botschaft in Teheran der Überraschungs-Abräumer der Oscarverleihung mit den Preisen für die beste Regie und den besten Film.

Der Film gibt sich authentisch – was er bis zum Abspann verdeutlicht, wenn Pressefotografien der damaligen Vorgänge eingeblendet und mit den detailgetreuen Rekonstruktionen im Film verglichen werden. Es war aber sicherlich weniger die originalgetreue Reproduktion von Haarstilen und Kleidermoden der späten siebziger Jahre, die dem Film zu seinen Oscar-Ehren verholfen hat, sondern vielmehr die extrem wirkungsvoll in Szene gesetzte Thriller-Handlung. Zu diesem Zweck wurden die wesentlichen Plot-Points, die das Geschehen erst zum Krimi machen, freilich erfunden. In Wahrheit verlief die Geheimdienstoperation recht unspektakulär und ohne besondere Vorkommnisse, die eine Gefahr für die Botschaftsmitarbeiter bedeutet hätten (im Wikipedia-Beitrag zum Film sind die Abweichungen zum historischen Geschehen zusammengefasst).

Doch es ist letztlich ein alter Hut, dass gute Filme, auch wenn sie sich an historischen Ereignissen orientieren, nicht daran gemessen werden sollten, wie groß ihre Treue zu den tatsächlichen Ereignissen ist. Entscheidend ist, wie gut die filmischen Mittel eingesetzt werden, um ein unterhaltsames Produkt zu generieren, das im Idealfall noch Stoff zum Nachdenken und eine zugrundeliegende Aussage transportiert. Und darin ist Argo über weite Strecken erfolgreich – bis zum Schluss, wenn eine Verfolgungsjagd mit schießwütigen iranischen Geheimpolizisten, die das Flugzeug mit den fliehenden Amerikanern an Bord noch auf der Startbahn aufhalten wollen (in Wahrheit gab es am Flughafen keinerlei Konfrontation mit iranischen Sicherheitskräften), als das Bedürfnis von Regisseur Ben Affleck, einen Showdown nach altbekanntem Action-Muster zu inszenieren, jegliche Wahrscheinlichkeit zunichte macht. Bis dahin ist der Film ein spannender,  mit den üblichen dramaturgischen Zuspitzungen versehener Spionagethriller mit wohldosierten ironischen Seitenhieben auf die Filmindustrie Hollywoods.

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