Filmklassiker: Panzerkreuzer Potemkin

Die Masse Mensch wurde damals gerade erst erfunden. Sie löste den Helden ab. Held war bürgerlich. Masse Avantgarde. Damit fing das elende zwanzigste Jahrhundert an. Der russische Regisseur Sergej Eisenstein, Marxist, Freudianer, dialektischer Materialist, war ihr erster cineastischer Prophet. Den Panzerkreuzer Potemkin drehte er 1925 im Auftrag des ZK der Kommunistischen Partei der jungen Sowjetunion. Ein bestellter Propagandafilm. Böse Zungen könnten behaupten, was den Nazis die Riefenstahl, war den Sowjets der Eisenstein (Goebbels hielt den Panzerkreuzer für ein Kunstwerk ohnegleichen). Aber das geht entschieden zu weit.

Das dramatische Geschehen: der Aufstand der Masse Matrose wegen vergammelter Fleischrationen (die legendären Maden!) auf dem zaristischen Schlachtschiff Fürst Potemkin am Morgen des 27. Juni 1905, die heldenhafte Solidarität der Bevölkerung Odessas, die blutige Niederschlagung des Aufstands (die legendäre Treppenszene!), der triumphale Abzug des Kreuzers aus dem Hafen.

Ein Stummfilm. Hart und übersichtlich schlagen die Gegensätze aufeinander. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, aufwärts und abwärts, Totale und Detail, Mensch und Technik, schlafen und schießen, Verbrüderung und Unterdrückung, Gefolgschaft und Aufstand. Wie gesagt: dialektischer Materialismus. Schon ein bisschen museal.

Trotzdem ein grandioser Film, der beste Film aller Zeiten, wurde immer wieder behauptet. Und wirklich, noch achtzig Jahre später ist die Magie der Treppenszene nicht verblasst, zittert man mit dem Baby, das im Kinderwagen zwischen den Erschossenen die lange Freitreppe herunterrumpelt, barmt mit der Mutter, die quälend langsam in Großaufnahme stirbt, ist erschüttert, wenn die eine ihr totes Kind auf dem Arm trägt und der anderen das Auge fehlt. Scharf vereiteln die Schnitte jeden Anflug von Epik. Die Kamera taumelt von groß auf klein, von Füßen auf Kanonen auf Gesichter auf die verlorene Brille eines Toten (die legendäre Pars-pro-toto-Technik!). Großartig ist die Choreografie, die tanzenden Esstabletts, die schaukelnden Hängematten, die segelnden Jollen, das Ballett der Dinge und Menschen. Rührend die Euphorie über das beginnende Maschinenzeitalter, der Stolz auf die triumphal erigierten Kanonenrohre, die schwarz dampfenden Schornsteine, die tatkräftigen Kolben und Manometer. Die Technik war damals noch auf der richtigen Seite. Trotzdem waren die Gegenstände – lange vorm Designzeitalter – noch frei und eigenständig, vielleicht sogar in ihrem Eigenleben die heimlichen Helden. Siegfried Kracauer verwies immer wieder auf die »vielsagende Unbestimmbarkeit der Bilder« dieses Films. Was ein Lob sein sollte. Das alles ist nun schon lange her.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Filmklassiker abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.