Lieblingsautoren: Alexander Kluge

Die Stille gehört zu den Schocks, die den Zuschauer bei Alexander Kluge immer wieder aus dem Fluss der Bilder reißen. Dazu gehören auch die Trickfilmsequenzen und Zwischentitel, die kommentierende Stimme des Regisseurs aus dem Off, das eingesprengte dokumentarische Material, die Abschweifungen der Kamera all diese Mittel eines radikal modernen Kinos, das es heute, rund vierzig Jahre nach Kluges erstem Spielfilm, kaum noch gibt. Abschied von gestern der Titel war Programm.

Als ein Initiator des Oberhausener Manifests, als Vertreter des Neuen Deutschen Films, geschult an der Nouvelle Vague, setzte Kluge sich ästhetisch wie politisch vom Mief der frühen Sechziger ab. Einem Mief, den man in seinen Arbeiten schlagartig wiedererkennt. In scheinbar zufälligen Passagen entfaltet sich die Textur deutscher Städte immer wieder Frankfurt – fast zu greifen ist die Umtriebigkeit, mit der gebaut und gewirtschaftet wird und die an den Rändern sofort in Tristesse umschlägt.

Angesichts des gesellschaftskritischen Intellektuellen Kluge, vergisst man allerdings leicht, wie schön die Bilder sind, die dieser Regisseur entworfen hat. Und, um es an der Grenze zum Kitsch zu formulieren, welche Zärtlichkeit darin steckt. Da ist das Kind, das sich die Nase an einer Fensterscheibe platt drückt am Anfang von Gelegenheitsarbeit einer Sklavin, da sind die Nahaufnahmen der Schwester Alexandra Kluge in den frühen Filmen und die knubbligen kleinen Raumschiffe Pappe?

Töpfe? Tupperware? , die in den Science-Fiction-Szenarien durch glitzernde Sternhaufen düsen: Aufnahmen in einem frappierenden, entrückten Schwarz-Weiß, die über das sozial Konkrete hinausgehen.

So kann man von Kluges Arbeiten sagen, was er selbst übers Kino im Allgemeinen bemerkt hat: »Das will Auswege wissen.« Und diese Suche ist es auch, die seine Figuren umtreibt. Sie sind, auf eine ungeheuer tröstliche und sehr handfeste Art, immer am Machen. Ob sie nun die deutsche Geschichte mit Fragen durchlöchern wie Hannelore Hoger in Die Patriotin, sich durch einen interstellaren Krieg wursteln wie Alfred Edel als Willi Tobler oder um ein bisschen materielles Glück pokern wie die des Diebstahls verdächtigte Drifterin Anita G. in Abschied von gestern: Selbst im Stillstand oder im Scheitern vermitteln sie dem Zuschauer das Gefühl, es hätte nur eines Zufalls, einer geringfügig veränderten Konstellation bedurft, um der Geschichte einen anderen Ausgang zu geben.

Auch Alexander Kluge ist ständig am Machen, als Produzent von Interviews, Kulturvignetten und Kurzfilmen ausgerechnet im Privatfernsehen, als Schriftsteller, als Erzähler fortlaufender »Kinogeschichten«: ein Linker, der es sich im Kulturbetrieb nicht nachgerade gemütlich gemacht hat, dem es aber gelingt, Kanäle ins Offene zu finden. Die DVD-Edition, die jetzt erscheint, passt ins Bild. Sie versammelt sämtliche Filme, ausgewählte Fernseharbeiten sogar komplette Bücher, die man am Computer lesen kann. Und sie lädt zum Selbermachen ein: zum Assoziieren und Fragmentieren, zum Auseinandernehmen und Zusammenbauen. Unordnung ist diesem Regisseur nicht unheimlich.

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