Lieblingsautoren: Stanislaw Lem

Von Visionen wollte der große Visionär im Alter nicht mehr viel hören. Die meisten seiner literarischen Zukunftsentwürfe – intelligente Roboter, virtuelle Welten oder bemannte Flüge zu fernen Planeten – seien doch nur »Wahngebilde«, schimpfte Stanislaw Lem in einem seiner letzten Interviews, das er dem gab. Und was kein leerer Wahn blieb, sei oft zu einem realen Albtraum geworden: Die elektronische Kommunikation beschere uns »Informationsverstopfung«, die »künstliche Intelligenz« gehe mit einem »Verfall der Fantasie und Intelligenz der Menschen« einher, und wenn uns nicht der nächste Nuklearkrieg auslösche, drohe uns die Klimakatastrophe.

Nein, als wirklich rosig konnte man die Weltsicht des 84-jährigen Lem nicht bezeichnen. Dabei hatte der »optimistische Pessimist«, als der sich der Schriftsteller und Technikphilosoph gern bezeichnete, in seinen Werken viele jener modernen Entwicklungen vorweggenommen, die ihn in der Gegenwart mit Schrecken oder Verachtung erfüllten. Der Vater des modernen Science-Fiction-Romans malte schon in den fünfziger und sechziger Jahren die Möglichkeiten der Gentechnik und der Nanotechnik aus, sah das Internet und den bargeldlosen Zahlungsverkehr vorher und lieferte in Der futurologische Kongress eine beklemmende Studie der Manipulierbarkeit unserer Wahrnehmung, die an Aktualität nichts eingebüßt hat (dasselbe Thema machte fast vierzig Jahre später den Film Matrix zum Kinoschlager).

Ein unstillbarer Wissensdurst schien den am 12. September 1921 im heute ukrainischen Lwiw (Lemberg) geborenen Stanislaw Lem anzutreiben. Schon als Kind experimentierte er mit elektrischen Geräten und Vakuumröhren. Später studierte der Arztsohn Medizin und trieb nebenbei Privatstudien in Physik, Kybernetik, Biologie, Mathematik und Philosophie; er war zwischenzeitlich als Übersetzer, Autoschlosser und Monteur tätig, gründete die polnische Astronautische Gesellschaft und arbeitete als Assistent für angewandte Psychologie – bevor er schließlich 1946 seinen ersten Science-Fiction-Roman in einem polnischen Romanheft veröffentlichte (der alsbald in Vergessenheit geriet und erst 1989 unter dem Titel Der Mann vom Mars wieder aufgelegt wurde).

Mit Werken wie den Sterntagebüchern (1957) oder Solaris (1961) begründete Lem seinen Ruf als Klassiker des Science-Fiction-Genres. Dabei ging es ihm nie nur um das Ausmalen wissenschaftlicher Entwicklungen (was er meisterhaft beherrschte), sondern stets auch um die Erforschung der menschlichen Psyche. »Egal, in welchen Raum sich der Mensch begibt, er nimmt sich immer selber mit«, erkannte Lem; und in Solaris findet sich der prophetische Satz: »Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.« Dementsprechend hielt der Schöpfer neuer Welten der Gattung Mensch den Spiegel vor. Was etwa entdecken die Astronauten Kelvin, Snaut und Sartorius am Ende ihrer Expedition zu dem rätselhaften Planeten Solaris? Nur ihre eigenen Gedanken, den verdrängten Gehalt ihrer Gehirne, den der intelligente Planet zum Leben erweckt. »Wir haben ihn, diesen Kontakt«, entsetzt sich der Astronaut Snaut und sieht doch nur: »Unsere eigene, monströse Häßlichkeit, ins Riesenhafte vergrößert wie unter einem Mikroskop.«

Dass Lem – bei aller technischen Begeisterung in seinen Romanen – nie den Menschen vergaß, macht sein Werk groß. Und es erklärt, warum er sich später so abfällig über das Genre Science-Fiction äußerte, das häufig allzu eindimensionale und wissenschaftseuphorische Bücher hervorbrachte. »Die Zuneigung, die ich dem gefallenen Mädchen Science-Fiction entgegengebracht habe, ist nur zu vergleichen mit der Dummheit, sich in eine schöne Frau zu vergucken, um dann festzustellen, dass sie unter voranschreitender Zahnfäule leidet.« So hatte er etwa für jene Verfechter der »künstlichen Intelligenz«, die schon einen funkenden Kühlschrank oder Staubsauger für intelligent halten, nur Spott übrig. »In dem Sinne sind auch meine Hosenträger intelligent, weil man sie regulieren kann.«

In 57 Sprachen wurde Lems gewaltiges Werk übersetzt. Seine zahlreichen Bücher sind in einer Auflage von über 45 Millionen weltweit erschienen, die Verfilmung von Solaris (die Lem nicht mochte) wurde zum Welterfolg. Eine Art modernen Jules Verne des Bio-, Nano-, Infozeitalters könnte man ihn nennen, und vermutlich wird sein Genie – wie jenes von Verne – erst aus der Rückschau richtig sichtbar.

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