The Ides of March – Polit-Drama zur Weihnachtszeit

Wenn es einen Film gibt, der sich jetzt schon frühzeitig im Rennen um die Oscar-Trophäen positioniert, dann ist es George Clooneys The Ides of March. Der Titel mit seinem inhärenten Verweis auf den Cäsarenmord stellt den Zusammenhang her zu dem shakespeareanischen Drama, das Clooney in seiner mittlerweile vierten Regiearbeit wirkungsvoll vor der Kamera inszeniert. Er selbst repräsentiert darin die Rolle des ehrenhaften Königs, der nur das Beste will, am Ende aber zum Opfer der Intrigen wird, die um ihn herum gesponnen werden. Mike Morris ist der von Clooney selbst gespielte Präsidentschaftskandidat, für den politischer Instinkt noch im Sinne der Sache eingesetzt werden soll und nicht für taktische Zugeständnisse ohne moralisch-ethischen Kompass. Ganz anders seine Wahlkampfberater, Gegenkandidaten und falschen Freunde, für die der Film verschiedene Modelle vorstellt: Da ist der kandidatentreue Wahlkampfchef Paul Zara (Philip Seymour Hoffman), der seinen Kampagnenmanager Stephen Meyers (gespielt von Nachwuchst-Star Ryan Gosling, der schon als “nächster George Clooney” gefeiert wird) fristlos entlässt, weil dieser offenbar darüber nachdenkt, einem Abwerbeversuch des Gegenkandidaten nachzugeben. Der Wahlkampfleiter der Gegenseite wiederum (Paul Giamatti) hat diesen Abwerbeversuch nur zum Schein inszeniert, um genau diese Entlassung zu provozieren – ein zynischer Profi seines Geschäfts, für den Moral nur unnötiger Ballast ist. Und da ist eben jener Stephen Meyers, der diese Spielregeln anzuwenden lernt und am Schluss vor dem Dilemma steht, ob er sein eigenes moralisches Gewissen entlasten soll, dabei aber seinen Kandidaten Morris zu Fall bringt, oder ob er das von Paul Giamatti verkörperte Modell übernehmen und zum skrupellosen Polit-Karrierist werden soll, der für das Erreichen von politischen Zielen über Leichen geht.

Clooney profiliert sich einmal mehr als Schauspielerregisseur, der ein exzellentes Ensemblestück zu inszenieren versteht. Schon Good Night, and Good Luck (2005), eine Charakterstudie über den als Gegner der Kommunistenverfolgungen der McCarthy-Ära bekannt gewordenen Radiojournalisten Edward R. Murrow, war ein intensives Kammerspiel, das ganz von seinen darstellerischen Leistungen lebte. Clooney ist dabei wortwörtlich immer ganz nah an seinen Schauspielern dran, bei den emotional entscheidenden Szenen filmt er die Portagonisten durchgängig als Großaufnahmen der Gesichter im Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Auch die Nebenfiguren werden plastisch herausgearbeitet, sie verfolgen alle ihre eigene Agenda: Da ist die Starjournalistin Ida Horowicz (Marisa Tomei), die mit Meyers in einer Zweckfreundschaft verbunden ist, diesen aber mit Blick auf eine große Story zu erpressen versucht, als sie von Zara über Meyers’ Techtelmechtel mit der Gegenseite informiert wird. Und da ist der bereits ausgeschiedene ehemalige Kandidat Thompson (Jeffrey Wright), der seine Gunst (und damit seine bereits gewonnenen Deligiertenstimmen) meistbietend an den Gegenkandidaten verkauft, der ihm den  besten Job in einer künftigen Regierung in Aussicht stellt.

Selten wurde ein Polit-Drama mit durchgängig so guten schauspielerischen Leistungen auf die Leinwand gebracht. Unbedingt sehenswert auch wegen der ethischen Fragen, die er aufwirft, aber keineswegs mit moralischem Zeigefinger beantwortet – sondern dem Zuschauer die Beurteilung überlässt.

Weitere Beiträge:

Tragödie vor Stars and Stripes – eine Filmkritik
George Clooney for President – sollte Clooney tatsächlich kandidieren?

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Medienethik, Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.