“Livings” als lebende Sozialkritik

Yolanda Domínguez ist eine spanische Künstlerin, deren Werke eine provozierende Form von Happening darstellen. In der Öffentlichkeit inszeniert sie Situationen, die für die Betrachter beunruhigend und verstörend wirken sollen. Domínguez äußert gender-orientierte Sozialkritik, indem sie Frauen in typisch klischeehaften Rollen den Blicken zufälliger Passanten aussetzt und deren Reaktionen auf Video festhält. Diese Happenings nennt sie “Livings”.

Eines der bekanntesten Werke dieser Art entstand in einer Luxus-Einkaufsmeile in Madrid und kritisiert die Sucht nach nach Statussymbolen, nach Repräsentation durch immer teurere Accessoires. Eine gut gekleidete, offenbar der Oberklasse angehörende Frau steht vor dem Schaufenster der Luxus-Boutique Chanel und stellt fest, dass sie sich die darin ausgestellten Handtaschen nicht mehr leisten kann. Ihre Reaktionen werden immer verzweifelter und beginnen die Fahrigkeit einer Drogenabhängigen anzunehmen. Sie fängt an, Passanten anzusprechen, schließlich um Geld anzubetteln für das Objekt, das sie für ihre Suchtbefriedigung braucht, und kniet am Ende flehend auf der Straße, während sie ein Pappschild hochhält, das sie mit Lippenstift beschriftet hat mit: “Ich bettele um eine Chanel”.

Es ist die Kaufsucht als ein Aspekt von Weiblichkeit in unserer Gesellschaft, auf den Domínguez abzielt, doch die Szene kann darüber hinaus auch allgemein als Kapitalismus- und Konsumkritik gewertet werden. Die Raktionen der Passanten reichen von völliger Ablehnung über Bestürzung bis hin zu vereinzeltem Verständnis, wenn der Frau tatsächlich etwas Geld zugesteckt wird. Auf Video aufgezeichnet, erregte das Happening durch Reproduktion und Verbreitung in Nachrichtensendungen, auf Youtube und Blogs eine weit ausgreifende Kontroverse in Spanien.

Die Mittel, mit denen Domínguez arbeitet, sind Ironie und Dekontextualisierung. Die Frauen, die sie zeigt, fallen aus den gängigen Erwartungsschemata heraus und erregen dadurch Aufmerksamkeit. Ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist ihr neuestes “Living” mit dem Titel Poses. Darin nehmen Frauen in einer öffentlichen Alltagssituation – einer Warteschlange vor einem Museum, an einer Bushaltestelle oder vor einem Supermarkt – dauerhaft und völlig unbeweglich Posen ein, die sich an denen von Models in Modezeitschriften orientieren. Neben der völlig aus dem Kontext gerissenen Körperhaltung entsteht ein zusätzlicher Kontrast durch die Wahl der Frauen, die Domínguez auftreten lässt: Durchweg füllig, vollschlank und mittelalt, also gar nicht dem Schönheitsideal von Topmodels entsprechend, sondern eher der tatsächlichen Alltagserfahrung der meisten Frauen. Im Soundtrack des zu diesem Happening produzierten Videos ist unter der Untermalungsmusik immer wieder der  Satz zu hören “I always wanted to be a model”.

In der Reaktion der Passanten auf die starr und verdreht posierenden Frauen gibt es verschiedene Abstufungen: Von beiläufigem Amüsement über ungläubiges Anstarren und neugieriges Beobachten bis hin zu Besorgnis und dem Bedürfnis, die Person aus dieser  als krankhaft empfundenen Haltung herauszuhelfen. Selbst der Anblick einer Frau, die völlig verdreht und erstarrt im Blumenbeet eines Parks liegt, sorgt bei vielen Passanten jedoch zuerst nur für Neugier und Erheiterung.

Das zu Video folgt einer klaren Dramaturgie, indem diese eher unbedarften Reaktionen an den Anfang gestellt werden und erst gegen Ende aufgelöst wird, dass es doch immer wieder auch Personen gab, die die Unnatürlichkeit der Situation erkannten und z. B. der am Boden liegenden Frau aufhalfen. Das Ausscheren aus der Normalität der Alltagswahrnehmung sorgt in jedem Fall aber für Irritation – und wird in vielen Fällen schlicht nicht geduldet. Oft greift eine Ordnungsmacht ein und löst die Situation auf: Die Bedienung eines Fast-Food-Restaurants holt ihre Chefin; die Wachpolizistin vor dem Museum versucht ratlos, die öffentliche “Ordnung” wieder herzustellen; und ein Straßenfeger scheint ernsthaft zu überlegen, ob es sich bei der am Boden liegenden Frau um ein zu entsorgendes Objekt handelt. Was im Kontext einer Modepräsentation als normal hingenommen wird, erscheint in einer realen Alltagssituation als grotesker Normenverstoß.

Mit Poses kritisiert die Künstlerin die absurde und künstliche Welt von Mode und Glamour. Das Ziel ist, deutlich zu machen, wie lächerlich dieses von den Medien transportierte Frauenimage wird, wenn es in Alltagsumfeldern tatsächlich umgesetzt wird. So wird offensichtlich, dass das bis ins Groteske verzerrte Frauenbild, das die Modefotografie in Zeitschriften vermittelt, nichts mit der Alltagswirklichkeit zu tun hat, da darin alle Aspekte ausgespart werden, die nicht in die eng begrenzten Parameter dieses artifiziellen Idealbildes passen.

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