Künstliche Gletscher, angehobene Berge, Tsunami-Wetterbericht: Globale Zukunftsvisionen aus Furtwangen

Vor einiger Zeit hatte ich ja über die Pläne berichtet, mitten in Berlin einen künstlichen Berg von 1.000 Meter Höhe zu errichten. Dieser Plan war von ihren Urhebern eher symbolisch gemeint als praktisch umsetzbar. Was mich an solchen Visionen aber immer beeindruckt, ist die konzeptionelle Kühnheit, die dahinter steht: der Mut, sich etwas so Großes vorzustellen, das die Welt tatsächlich verändert, und das dann auch der Öffentlichkeit einfach mal vorzuschlagen – die dann in der Regel zunächst mal mit viel Ablehnung reagiert, denn wie so oft stehen die wahren Weltveränderer anfangs erst mal als Außenseiter da. Die wirklich tragfähigen Ideen erarbeiten sich jedoch zunächst innerhalb enger Zirkel Respekt und weiten sich schließlich mehr und mehr aus, bis sie irgendwann vielleicht tatsächlich realisiert werden.

Immer wieder neue Beispiele für diesen Prozess liefert der promovierte Physiker Professor Eduard Heindl, der in den 90er Jahren für das Tübinger Institut für angewandte Physik tätig war und heute an der Hochschule Furtwangen E-Business-Technologien lehrt.

Eduard Heindl

Als im Jahr 2004 ein Seebeben einen verheerenden Tsunami in der Region um Thailand auslöste, machte er sich Gedanken über ein für Urlauber unkompliziert nutzbares Tsunami-Warnsystem, das direkt an ein Netzwerk seismischer Messstationen angebunden ist und auf der Basis von deren Daten eine Gefahrenprognose erstellt. Erreicht ein Beben hinsichtlich Stärke und Position ein Gefahrenpotenzial für den Aufenthaltsort des Nutzers, wird dieser einfach per SMS auf seinem Mobiltelefon informiert. Eine Idee, die in der praktischen Umsetzung komplexer Technologie bedarf, für den Endnutzer aber gerade in der Einfachheit der Anwendung besticht. Diese Idee wurde von Professor Heindl nicht einfach nur als theoretisches Konzept in einer Vorlesung präsentiert, sondern durch eine mit Partnern aus der Privatwirtschaft gegründete GmbH als kommerzielles Produkt auf den Markt gebracht – das Tsunami-Warnsystem kann man für 9,95 € pro Monat in der Art eines “Tsunami-Wetterberichts” direkt online als SMS-Pushdienst buchen. Inzwischen wurde die Idee sogar ausgeweitet zu einem globalen Informations- und Frühwarnsystem für Krisenfälle aller Art.

Die Basis für dieses System bildet die Analyse und Auswertung von Umweltdaten. Mit einem anderen Projekt geht Heindl über die Analyse hinaus und betreibt auf lokaler Ebene Ansätze des “Terraforming”, wie man sie – auf globaler Ebene – eher aus Sciencefiction-Geschichten wie Star Trek kennt. Es geht dabei darum, einen Gletscher künstlich entstehen zu lassen und dauerhaft vor dem Abschmelzen zu bewahren. Bei ersten Experimenten im Schwarzwald gelang es immerhin, einen kleinen Gletscher den Winter hindurch bis Ende April am Leben zu erhalten.

Die 4 Meter hohen Eissäulen um die den künstlichen Gletscher speisenden Sprenkler bilden bizarre Skulpturen. Mehr Bilder unter www.gletscherprojekt.de

Im Herbst 2010 startete bei Zermatt in der Schweiz ein Folgeprojekt, bei dem an einem Hang des Klein Matterhorns ein größerer künstlicher Gletscher entstehen soll. Die Fachwelt – in diesem Fall in Person eines örtlichen “Glaziologen” – reagiert skeptisch. Die Idee greift aber nicht nur die ökologische Problematik rund um die Gletscherschmelze im Zuge des Klimawandels auf, sondern birgt, so jedenfalls Heindls Vorstellung, auch ökonomische Chancen, etwa für ganzjährig nutzbare Skigebiete. Wie das lebhafte Interesse von Skiliftbtereibern an dem Pilotprojekt im Schwarzwald zeigte, ist das auch nicht reine Illusion – der zermürbende Kampf mit Behörden und Naturschutzverbänden, der ein weiteres Projekt im Schwarzwald zu Fall brachte, allerdings auch nicht.

Heindls neueste Vision geht über die Dimensionen eines Gletschers hinaus und soll tatsächlich künstliche Berge entstehen lassen – und zwar als gigantische Energiespeicher. Wie bei seinem Tsunami-Alarmsystem trifft er damit erneut den Nerv einer breiten gesellschaftlichen Debatte, nämlich die der Energiewende. Im Zuge der Umstellung auf regenerative Energiequellen wie Solarenergie und Windenergie wird die Speicherung immer größerer Energiemengen nötig werden. Vorhandene Technologien wie etwa Pumpspeicherkraftwerke würden riesige Seeflächen benötigen, um die Energie zur dauerhaften Versorgung ganzer Städte zu speichern. Bei diesem Prinzip wird Wasser in einen höher gelegenen See gepumpt, um es bei Bedarf in einen tieferen See fließen zu lassen und unterwegs Turbinen zur Stromerzeugung antreiben zu lassen. Um den Energiebedarf Deutschlands für 7 Tage zu speichern, wäre eine Landschaft mit der doppelten Fläche des Bodensees zu fluten. Heindl schlägt stattdessen vor, das Wasser nicht in einen See zu pumpen, sondern unter eine Felsmasse, die durch den Wasserdruck hydraulisch angehoben wird. Wird Energie benötigt, öffnet man die Schleusen dieses unterirdischen “Sees” und die Felsmassen erzeugen einen Wasserdruck, der sich zum Antreiben von Turbinen nutzen lässt. Heindl will auf diese Weise bis zu 500 Meter hohe Berge von einem Kilometer Umfang entstehen lassen und bei Energiebedarf entsprechend wieder absenken. Die Vorstellung, dass aus der Landschaft regelmäßig ein Berg mit Mittelgebirgshöhe auftaucht und wieder verschwindet, ist zumindest gewöhnungsbedürftig, laut Heindl aber im Vergleich mit dem Landschaftsverbrauch im Braunkohletagebau ein interessanterer optischer Effekt als eine Abraumhalde.

So kann man sich in der Topographie des Schwarzwalds (links oben der Bodensee) einen 500 Meter hohen, aus dem Boden ausgesägten und durch Wasserdruck angehobenen Granitblock vorstellen.

Nach Heindls Einschätzung würden schon zwei Kraftwerke dieser Art ausreichen, um ganz Deutschland vollständig mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Die Kosten für den Bau eines solchen Kraftwerks beziffert er auf 400 Millionen Euro – in Bezug auf die damit erzeugbare Energie ergibt sich daraus ein Preis von 24 Cent pro Kilowattstunde, der im Vergleich zu den Investitionskosten eines Pumpspeicherkraftwerks (20 Euro pro Kilowattstunde) klein erscheint. Auch für die anderen Fragen bzgl. der Praktikabilität der Umsetzung, die bei einem derart groß angelegten Projekt auf der Hand liegen, hat Heindl bereits Antworten parat, die er in einer eigens angelegten FAQ-Liste präsentiert. Das Konzept als Ganzes wird in einem von ihm verfassten Aufsatz erläutert.

Das Funktionsprinzip des heindlschen Lageenergiespeichers

Die Wissenschaftspresse (z. B. spektrumdirekt, Technology Review) liebt das Projekt, da es die Aufmerksamkeit der Leser bindet. Aber auch die Industrie scheint schon darauf aufmerksam geworden zu sein, wie die Auszeichnung des Konzepts mit dem “Querdenker-Award” beweist, durch den eine maßgeblich von der BMW-Gruppe betriebene Stiftung Vordenker wie Heindl für technische und wirtschaftliche Innovationen fördern möchte.

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