Guck mal, wer da spricht: Beobachtungen zur Entwicklung der Sinneswahrnehmung von Kleinkindern

Hier kommt mal ein entwicklungspsychologisch und medizinisch völlig laienhafter Beitrag über die verschiedenen Entwicklungsstufen in der Wahrnehmung von Babys, basierend allein auf Beobachtungen, die ich bei unserem fünf Monate alten Söhnchen angestellt habe. Ganz deutlich kann man dabei feststellen, wie sich die Welt für einen Säugling nach und nach erschließt, indem er seine Sinnesorgane zu gebrauchen lernt und dabei seinen Wahrnehmungskreis von anfangs ganz klein, nur auf die engste Umgebung bezogen, schrittweise erweitert, bis er seine Umwelt schließlich selbst erkunden kann.

In den allerersten Lebenswochen reagierte der Kleine ausschließlich auf Gesichter – alles darum herum schien noch keine Rolle für ihn zu spielen. Nur wenn man sich ihm mit dem Gesicht näherte, quittierte er das mit einer Veränderung des Gesichtsausdrucks oder einem unwillkürlichen Geräusch. Es scheinen nur ganz basale Sinneseindrücke zu sein, die ein so kleines Kind schon verarbeiten kann. Diese müssen sich in unmittelbarer Nähe des Kindes abspielen, ich hatte immer den Eindruck, dass er ganz am Anfang nur einige Zentimeter weit scharf sehen konnte. Die Fähigkeit, das Gestaltmuster “Gesicht” von anderen Formen zu unterscheiden und später auch einzelne Gesichter zu erkennen (zumal das der Mutter, mit der das Kind schon im Moment des Bondings eine besondere Verbindung eingeht) scheint – ebenso wie der Saugreflex – ein von Geburt an mitgeliefertes Feature zu sein.

Wenig später begann er, auf Umgebungsgeräusche zu reagieren; bis er deren Quelle richtungsmäßig grob zuordnen konnte, indem er seinen Blick in diese Richtung lenkte, vergingen etwa zwei weitere Wochen. Zur visuellen Grobwahrnehmung kam also die auditive, parallel dazu entwickelte sich die Fähigkeit, den eigenen Blick in bestimmte Richtungen zu lenken.

Etwa ab dem 3. Monat begann er, die ganze Person, die zu jedem Gesicht gehörte, wahrzunehmen; so verfolgte er die Eltern beim Verlassen des Raumes mit seinen Blicken. Zu Beginn des 4. Monats entdeckte er Gegenstände für sich: Zunächst waren vor allem Tücher und Papiertaschentücher nicht sicher davor, von ihm zerknüllt zu werden, später interessierte er sich auch mehr und mehr für Stofftiere und anderes Spielzeug, inzwischen probiert er neugierig jeden Gegenstand aus, der in seiner Reichweite liegt – und zwar vorzugsweise, indem er sie sich in den Mund steckt. Die Welterfahrung scheint in dieser Entwicklungsstufe also vor allem ein orales Sinnerlebnis zu sein – dieses tritt spielerisch zu den zuvor eingeübten visuellen und auditiven Wahrnehmungsformen hinzu. Der Nachteil an dem neu gewonnenen Gespür für Gegenstände ist, dass er jetzt auch die Trinkflasche als Objekt erkennt, mit dem sich prima spielen und Schabernack treiben lässt – vorbei ist die Zeit, in der er die Flasche schlicht als nicht weiter hinterfragte Quelle von Nahrung hinnahm, die zum Nuckeln da ist und sonst nichts. Amüsant auch: Das erste elektrische Gerät, das er ansatzweise zu bedienen gelernt hat, ist … das iPhone. Spielerisch zwar, und natürlich noch ohne jedes Verständnis für die ausgelösten Funktionen, macht es ihm einfach Spaß, den Touchscreen zu berühren und fasziniert zu beobachten, wie sich das Display daraufhin ändert. Die Usability dieses Geräts ist also so basal angelegt, dass sie sich sogar mit den grobmotorischen Fähigkeiten eines Säuglings grundsätzlich ansteuern lässt ;-)

Der 5. Monat schließlich brachte eine verstärkte Wahrnehmung der Umgebung mit sich. Hatte er zuvor eher stumpf und indifferent aus seinem Kinderwagen geguckt, begann er nun, z. B. auf einzelne Bäume aufmerksam zu werden und diese gezielt zu betrachten. Inzwischen (auch gerade jetzt, während ich diesen Blogbeitrag in mein iPhone tippe) guckt er auch mit Interesse aus dem Fenster des fahrenden Zuges – noch vor Kurzem hätte die Geschwindigkeit der vorbeiziehenden Landschaft seine Sinneswahrnehmung völlig überfordert.

So erweitert sich der Gesichtskreis des Kindes in den ersten Monaten immer mehr: Nach dem Wahrnehmen der engsten Umgebung mit dem Erkennen der Basisform des menschlichen Gesichts und später der menschlichen Gestalt kommt über die Wahrnehmung von Gegenständen also die der Umwelt hinzu.

Die Ausbildung seines Sinnesapparats hin zur vollständigen Wahrnehmung und Verarbeitung der auf ihn einströmenden Eindrücke ist noch “Work in Progress”, ich bin gespannt, wie es weitergeht.

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