Empfehlungsmarketing – the next big hype? (5)

Nachdem es im letzten Teil dieser Serie um Beratungs-Portale ging, möchte ich heute das Konzept der Lern-Communy vorstellen, das ein weiteres Anwendungsbeispiel für Empfehlungsmarketing im Internet darstellt.

Die Betreiber von Lern-Communities verpflichten Moderatoren und Tutoren von Lern-Einheiten, stellen diesen für die Erstellung und Präsentation von Online-Workshops Webspace und Tools zur Verfügung und vermarkten das Angebot. Die Erlöse stammen überwiegend aus Teilnehmergebühren. Die Tutoren werden an diesen Erlösen beteiligt.

Lern-Communities basieren auf einer Theorie des informellen Lernens von Etienne Wenger, die davon ausgeht, dass das praktische, gesellschaftliche Engagement der fundamentale Prozess ist, durch welchen wir wissen, was wir wissen, und durch den wir werden, wer wir sind. In seinem Werk  Communities of practice: learning, meaning, and identity (Cambridge University Press, 1998) erläutert er, dass die primäre Einheit dieses Prozesses weder das Individuum sei noch die sozialen Institutionen, sondern vielmehr die informellen “communities of practice”, denen Menschen zeitweise beitreten.

Die bekannteste deutsche Lern-Community ist sofatutor. Mithilfe von Fördermitteln sowie mit Unterstützung der privaten Beuth Hochschule für Technik wurde die Plattform im April 2009 als Startup gegründet. Es handelt sich dabei um eine Videoplattform, auf der es ausschließlich Bildungsvideos zu sehen gibt. Die Videos fassen Lerninhalte prägnant zusammen und sind durchschnittlich 10 Minuten lang. Von diesen kurzen Lektionen gibt es über 4600 auf der Plattform. Zahlreiche Fachexperten, wie Doktoranden, Lehrer oder Studenten produzieren die Lehrfilme.

Kurze Tests nach jedem Video zeigen, ob man den Inhalt auch verstanden hat. sofatutor-Nutzer wissen dadurch, was genau sie noch lernen müssen, um z.B. eine Mathe-Grundkurs-Klausur im Gymnasium zu bestehen. Weiterhin können Text-Kommentare von anderen Nutzern direkt in die Videos eingefügt werden, sodass viele Informationen und Verweise auf weitere Lektionen in einem Video gesammelt werden.

Jeder, der selbst Fachexperte eines Themas ist, kann mitmachen, eigene Videos hochladen und damit selber Produzent werden. Jedes einzelne Video wird anschließend von anderen Fachexperten angesehen und hinsichtlich inhaltlicher Richtigkeit, Didaktik und grafischer Form qualitätsgeprüft. Wenn ein Video den Standards entspricht, wird es veröffentlicht.

Das Geschäftsmodell hinter sofatutor ist klassischer Paid Content. Der Lernende muss ein monatliches Abonnement abschließen, um vollen Zugriff auf alle Filme zu erhalten. Der Preis von 9,95 Euro im Monat ist wohl deswegen durchsetzbar, weil er die (wesentlich höheren) Kosten eines Nachhilfelehrers oder Weiterbildungskurses substituieren soll.

Das Angebot spricht folgende Zielgruppen an:

  • Schüler, die Unterstützung zu spezifischen Unterrichtsstoffen suchen
  • Eltern, die ihrem Kind bessere Noten ermöglichen wollen, aber vor Nachhilfe noch zurückschrecken
  • Lehrer, die für ihre Schüler eine sinnvolles Instrument für das begleitende Lernen zu Hause suchen
  • Studenten und Berufstätige, die sich weiterbilden wollen

Es handelt sich also um extrem kommunikationsaffine Zielgruppen, die einerseits oft Bedarf daran haben, neues Wissen zu erwerben, andererseits aber auch gerne ihr eigenes Wissen an Andere weitergeben. Denn nur nach diesem “Zwei-Wege-Prinzip” funktioniert Empfehlungsmarketing in Lern-Communities; nur, wenn es auch Nutzer gibt, die Content produzieren, kann die Plattform ihre Funktion als Vermittler dieser Inhalte erfüllen.

Empfehlungsmarketing ist in diesem Sinne zu verstehen als die Vermarktung von Musterlösungen zu bestimmten Aufgaben, die eine bestimmte Zielgruppe beschäftigen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Nutzer in den gesamten Marketingprozess einbezogen sind – also, im Unterschied zu den früher vorgestellten Plattformen dooyoo und qype, die Nutzer auch an den Erlösen des Empfehlungsmarketing-Prozesses beteiligt werden. Aus der Sicht der Tutoren ist zu bemängeln, dass sie zwar an den Kursgebühren mitverdienen, nicht aber an den zusätzlichen Erlösen, die die Site etwa aus Werbung oder Provisionserlösen beim Verkauf von Lernmitteln erzielt. Andererseits profitieren Tutoren auch von einer durch die Aktivitäten der Site gesteigerte Bekanntheit und vom Image der Site, wodurch sie ihren eigenen Marktwert steigern können – eine Kernfunktion des Empfehlungsmarketings.

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