Die Heute-Show: Satirischer Lichtblick im Comedy-Einerlei

Comedy in Deutschland ist ein gesättigter Markt. Die Marktanteile sind verteilt: Da sind zum Einen die Standup-Komiker von Dieter Nuhr über Mario Barth bis Michael Mittermeier, die ihren Namen als Marke im Zentrum eines multimedialen Netzwerks aus TV-, DVD- und Liveauftritten mit flankierenden Büchern vermarkten. Zum Anderen sind da die Satiriker und Parodisten wie Bastian Pastewka oder Anke Engelke, deren Stärke nicht das Live-Standup vor Saalpublikum ist, sondern deren komische Wirkung sich durch die filmischen und schauspielerischen Mittel des Fernsehens konstituiert. Zu dieser Kategorie zählen auch die drei “Ollis” der deutschen Comedy-Szene: Oliver Kalkofe, Olli Dittrich und Oliver Welke. Der Letzgenannte ist erst spät in den Comedy-Olymp aufgestiegen, nachdem er jahrelang bei Sat1 als Sportmoderator fungiert hatte, sich dann aber in Rudi Carrells 7 Tage, 7 Köpfe im komischen Fach versuchte. Heute moderiert Welke die wohl beste derzeit gesendete Satiresendung im deutschen Fernsehen. Nachdem die Scheibenwischer-Nachfolgesendung in der ARD ohne Dieter Hildebrandt unter Mathias Richling zur klamauikigen Imitatoren-Showbühne heruntergekommen ist und die Saturday Night Live-Ableger RTL Samstag Nacht und die Wochenshow von Sat1 schon seit Jahren abgesetzt sind, fehlte es im deutschen Fernsehen eine hochwertige satirsche Begleitung des Tagesgeschehens, wie sie früher von Rudi Carrells Tagesshow praktiziert wurde.

In diese Lücke stößt seit einiger Zeit Oliver Welke mit der Heute-Show im ZDF. Die Sendung kommt so frisch und frech daher, wie man es früher nur von den Privatsendern erwartet hätte. “Bissig, gemein, pointiert und lustig” und “mit einer gehörigen Portion Sarkasmus” (news.de) werden die Ereignisse, die in der jeweils vergangenen Woche die Medienwelt bewegten, satirisch aufbereitet. Dabei wird oft genug auch selbstironisch auf die Manierismen des eigenen Senders bezug genommen, was in der offiziösen öffentlich-rechtlichen Institution ZDF so jahrzehntelang nicht denkbar gewesen wäre.

Die Mittel, die Welkes Team dabei aufgreift, sind indes keineswegs besonders neu oder innovativ, sondern stellen einfach solide, intelligent gemachte Satire dar, die Absonderlichkeiten der Mediengesellschaft ebenso bloßstellt wie die gewollten und teilweise unfreiwillig komischen Inszenierungen in Politik und Showgeschäft. Dabei kommen beispielsweise Video-Schnipsel zum Einsatz wie bei TV-Total, die aber nicht nur einfach wie bei Stefan Raab für sich stehen bleiben, sondern gekonnt in den erzählerischen Kontext einer Fake-Nachrichtensendung eingebettet werden. Auch bei Harald Schmidt macht die Sendung Anleihen, etwa wenn wie in dessen besten Zeiten gesellschaftliche Strömungen durch eigens gebaute, skurrile Requisiten repräsentiert werden (so wird z. B. das Ritual der Anti-Castor-Proteste durch das Brettspiel “Das Spiel des Gorlebens” vorgeführt).

Zu den Highlights der letzten Sendung zählte die Nachstellung des Interviews zwischen Giovanni di Lorenzo und Karl Theodor zu Guttenberg (ich berichtete darüber). Darin wird auf entwaffnende Weise ebenso offen gelegt, was der Zeit-Chefredakteur als kritischer Journalist den Plit-Plagiator eigentlich hätte fragen müssen, wie die elitäre Eitelkeit, die aus den Antworten Guttenbergs spricht und die von Welkes Sidekick parodistisch überhöht dargeboten wird.

Zu einer Art Maskottchen der Sendung ist mit “Gernot Hassknecht” eine Figur geworden, deren Part es ist, einen seriösen Nachrichtenkommentar aufzusprechen und sich dabei regelmäßig so echauffiert, dass die dabei entstehenden Ausraster das ZDF scheinbar zum Abbruch der Übertragung zwingen (Schrifttafel: “Wir bitten um ein wenig Geduld”). Die Figur ist mittlerweile so bekannt, dass sie sogar einen eigenen Twitter-Account hat, über den sie sich regelmäßig über aktuelle Gegebenheiten aufregt, hier eine Auswahl seiner letzten Tweets:

Inzwischen wird mit der herausragenden Charaktereigenschaft der Figur sogar schon gespielt, indem seine Ausfälle ironisch gebrochen werden: In der letzten Sendung brachte er einen erstmals vollkommen entspannten Kommentar zu – Guttenbergs Gesprächsband, aus dem er die lästerhaftesten Stellen liebevoll zitierte – bevor selbst Hassknecht vor Ekel mitten in das aufgeschlagene Buch erbrach.

Bereits klassisch sind die Reportagen des “Titanic”-Redakteurs Martin Sonneborn für die Heute-Show, hier beispielsweise sein Interview mit einem führenden Vertreter der Pharma-Industrie, in dem er diesem die absurdesten Äußerungen entlockt, ohne dass er es auch nur merkt:

Auf der Bühnentournee, auf der er diesen Clip gerne vorführt, verkündet Sonneborn auch gerne, dass der Phramaverband seinen Interviewpartner nur kurze Zeit nach diesem Gespräch durch einen Nachfolger ersetzt hat… Die Tatsache, dass die Heute-Show einen so profilierten Satiriker wie Sonneborn (der neben der “Titanic” auch noch die Satirerepublik “Spam” auf Spiegel online betreut) gewinnen konnte, zeigt, dass das Format inzwischen so viel Profil gewonnen hat, dass es nahezu einzigartig im deutschen Fernsehen dasteht.

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