Biosphäre Potsdam: Alexander von Humboldt in Disneyland

Die “Biosphäre Potsdam” ist eines der größten Tropenäuser Deutschlands und will gleichzeitig noch mehr sein als das: Die Massen-Anziehungskraft einer touristischen Erlebniswelt soll kombiniert werden mit nachhaltiger Naturkonservierung.

Die Temperatur schwankt zwischen 23 und 28 Grad Celsius bei fast 80% Luftfeuchtigkeit – ein ewiger Sommer. Doch die Wärme zieht tropische Gewitter nahezu magisch an…

Am Mangrovensumpf vorbei geht es durch einen Palmenhain, immer begleitet von einem Wasserlauf. An der Schamanenhütte vorbei, führt Sie der Weg durch den Ficuswald direkt in die Höhle der Fledermäuse…

Neben den prächtigen Tropenpflanzen gibt es einen Wasserfall, zwei Seen und eine manigfaltige tropische Tierwelt zu entdecken. Frei fliegende Vögel, Terrarien mit Insekten und Reptilien, Vogelvolieren und eine Unterwasserwelt im Stil eines historischen U-Bootes mit farbenfrohen tropischen Fischen repräsentieren die tropische Fauna.

So weit die Werbeschrift des Betreibers. Diese Beschreibung wäre es nicht wert, zu zitieren, wenn dieses Versprechen nicht tatsächlich eingehalten werden würde: Es handelt sich um ein beeindruckendes Stück Tropen mitten in Brandenburg. Besonders jetzt im Winter mit seinen frostigen Temperaturen ist ein Besuch in der Biosphäre wie ein kleiner Urlaub.

Eingangsfront der "Biosphäre Potsdam"

Entstanden ist die Biosphäre in der zentralen Ausstellungshalle der Bundesgartenschau BUGA 2001. Architektonisch hat der Bau nichts von der Messehallen-Monotonie, die sein Ursprung nahelegen würde. Durch die Verschmelzung von Architektur und Landschaft gerät das Bauwerk selbst zu einem zentralen Ausstellungsstück. Einem Chamäleon gleich passt sich die Gebäudehülle der Umgebung an: Das Brandenburger Becken ist von niedrigen eiszeitlichen Moränenhügeln geprägt. Dieses zentrale Landschaftselement nahmen die Architekten auf: Die Halle schmiegt sich teilweise bis zu 8 Meter tief in den Untergrund dieser Erdwälle ein, so dass der Bau von außen wie vom Erdboden verschluckt erscheint und lediglich eine repräsentative Glasfassade als Eingangsfront den Zuschauer begrüßt. Das Tageslicht kommt durch breitflächige Oberlichter ins Innere.

Beeindruckende tropische Pflanzenwelt der "Biosphäre"

Im Vergleich zu dem ähnlich angelegten, ebenso in Brandenburg angesiedelten Projekt “Tropical Islands“, bei dem die riesige Montagehalle des insolvent gegangenen Zeppelin-Herstellers “Cargolifter” in ein tropisches Freizeitbad verwandelt wurde, handelt es sich bei der Biosphäre um ein wesentlich gelungeneres Beispiel für die Nachnutzung vorhandener architektonischer Strukturen. Bei dem gigantischen Zeppelin-Hangar geraten die reinen Ausmaße zum Problem: Mit über 100 Meter Höhe und einem Rauminhalt von 5,5 Millionen Kubikmetern ist es entsprechend kostspielig, die Raumtemperatur kontinuierlich bei 26 Grad zu halten – was, so scheint es, im Winter auch nicht immer durchgängig gelingt. Der Hauptunterschied ist aber die Nutzung des verfügbaren Raumes: Während sich der Badespaß im Wesentlichen auf dem Boden abspielt, die riesige Halle also tatsächlich nur der Überdachung dient, entwickelt sich der Rundgang durch die Biosphäre konsequent von unten nach oben. Mehrere Stockwerke, die über Wege, Stege und Treppen verbunden sind, ermöglichen immer wieder neue Ausblicke und Prespektiven aus unterschiedlicher Höhe auf das Tropenparadies.

Natürlich war diese Form der Folgenutzung der BUGA-Halle schon beim Bau 2001 gleich mit geplant, als Investor stand die Cinemaxx-Gruppe für die kontinuierliche Weiterbetreibung als Erlebniswelt von Anfang an bereit. Die Verbindung mit einem Entertainment-Konzern erweist sich für das Gesamtkonzept als Glücksgriff: Die Innenausstattung – technische Schauelemente und museales Mobiliar aus dem 18. und 19. Jahrhundert – verweist designerisch liebevoll auf die Tradition der großen Entdecker von James Cook bis Alexander von Humboldt.

Mit diesen Requisiten und einer dadurch gewissermaßen cineastischen Aufmachung, die mehr dem Konzept von Disneyland als dem didaktischen Zweck eines Tropenhauses verpflichtet ist,  wirkt der Verweis auf konservatorische Maßnahmen in Zeiten der Regenwald-Abholzung eher aufgesetzt; dennoch ließ man es sich nicht nehmen, die Fahr-Attraktion, die am Ende des Rundgangs durch die Biosphäre steht – ein virtueller Rundflug in einem Luftschiff über unberührte Landschaften des Regenwalds – mit dem Hinweis zu beenden, dass alle zwei Sekunden Regenwälder von der Größe der Potsdamer Biosphäre unwiderbringlich von der Erde verschwinden.

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