Schillers Kabale und Liebe – eine Interpretation

Theterzettel Kabale und Liebe

Original-Theaterzettel der Aufführung von

Anlässlich des 252. Geburtstags von Friedrich Schiller möchte ich mich heute mit einem seiner bedeutendsten Frühwerke beschäftigen, das er im Alter von 23 Jahren schrieb. Seine noch frische Erfahrung aus der Verfolgung durch den württembergischen Herzog Karl Eugen, der seine unautorisierte Tätigkeit für das Mannheimer Nationaltheater mit einer Haftstrafe und folgendem Berufsverbot belegte, verarbeitete Schiller in seinem Werk immer wieder in Form von beißender, oft auch satirischer Kritik an Anmaßung und Korruptheit des Adels. Kabale und Liebe zählt heute zur Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten, weil es ein repräsentatives Stück der wohl produktivsten Phase der deutschen Literaturgeschichte ist, des “Sturm und Drang“. Innerhalb dieser Strömung ist es eines der frühesten Beispiele für das Genre des “Bürgerlichen Trauerspiels”. Als “tragödienwürdig” waren zuvor ausschließlich Geschichten erachtet worden, die sich in den Kreisen des Hochadels abspielten (zwischen Königen, Herzögen und Grafen), während Figuren aus den niederen Ständen lediglich für komödiantische Stoffe als geeignet erachtet wurden. Erst die Dichter des Sturm und Drang erhoben auch das Bürgertum auf die narrative Ebene der Tragödie.

Es ist aber nicht allein die literaturgeschichtliche Bedeutung, die dieses Stück auch heute noch lesens- und zuschauenswert macht. Vielmehr ist es sein zeitloser Gehalt, der viele immer noch diskussionswerte Fragestellungen aufwirft. Den Titel Kabale und Liebe übernahm Schiller erst auf Vorschlag des damals in Mannheim tätigen Schauspielers, Dramatikers und Theaterintendanten August Wilhelm Iffland, der mit sicherem Gespür für den Publikumsgeschmack darin eine höhere Massenwirksamkeit sah als im Originaltitel Luise Millerin. Und tatsächlich – das Wort “Kabale” steht für hinterhältige Ränkespiele und perfide Intrigen – das Stück bildet in geradezu prototypischer Form Handlungsstrukturen rund um Liebestreue, Lug und Trug, Sex and Crime ab, die sich in sehr ähnlicher Art und Weise bis heute in quotenstarken Seifenopern und Spielfilmen wiederfinden.

Was Kabale und Liebe aber zu einem Stück von zeitloser Relevanz macht, ist der Subtext, der dem Drama bleibende Bedeutung verleiht. Es geht dabei um den Aspekt der persönlichen Freiheit: Major Ferdinand von Walter, ein Sohn aus adeliger Familie, setzt alles daran, seine Beziehung zu der Bürgerlichen Luise Millerin ausleben zu dürfen, obwohl die Standesregeln ihm das untersagen. Diese vom Menschen gesetzte Konvention ist für ihn unbedeutend im Vergleich zur unbedingten Liebe als naturrechtliche Größe. Gleichzeitig ist Liebe für ihn jedoch ein Prinzip, ein Ideal, in dem er seine individuelle Freiheit auszuleben gedenkt – und im Bestreben, dieses Ideal zu verwirklichen, kennt Ferdinand keine Risiken. Voller Übermut und Überheblichkeit setzt er sich über alle Widerstände hinweg. Mit seinem unbedingten Freiheitswillen macht Ferdinand sich schließlich schuldig: Als er Luise aufgrund einer Intrige des Hofes fälschlicherweise der Untreue verdächtigt, reißt er sie mit in den Freitod, er maßt sich also an, allein nach seinen Kriterien und ohne Hinzuziehen weiterer Instanzen über Luise das letzte Urteil fällen zu dürfen. Die Frage, die Schiller damit stellt, ist: Wie weit geht die persönliche Freiheit? Was darf der Einzelne sich herausnehmen? Darf er seine persönlichen Maßstäbe als verbindlich für seine Mitmenschen setzen – und darf er sich und andere richten? Das sind wichtige und grundsätzliche Fragen, die zu jeder Zeit von Bedeutung sind und einen eigenen Standpunkt herausfordern.

Hier eine Kurzfassung des Dramas in Jugendsprache; so wird offenbar versucht, Schülern von heute die Handlung näherzubringen. Dadurch, dass es möglich ist, die Handlung in diesen Worten wiederzugeben, wird die Aktualität des Stoffes noch einmal deutlich.

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