Retro-TV: Sympathische Nostalgie mit Grips

Ein (nicht nur) für Medienwissenschaftler besonders vergnügliches Video-Blog ist Retro-TV. In inzwischen 77 Folgen werden regelmäßig alte TV-Formate aufgegriffen, eingeordnet und erläutert, die heute teilweise fast in Vergessenheit geraten sind, teilweise aber auch schon Kultstatus genießen.

Produziert und präsentiert werden die Schnipsel von einem ungleichen Moderatoren-Duo: Henning Harperath, Geschäftsführer der imfernsehen GmbH & Co. KG, der durch TV-orientierte Interneportale wie fernsehserien.de, wunschliste.de, tvforen.de oder eben die fernsehgeschichtlich orientierten Seiten tv-kult.de und retro-tv.de sein Geld verdient, und Paddy Kroetz, der zumindest bei jugendlichen Zielgruppen als Moderator von Super-RTL recht bekannt geworden ist.

Von der Grundanlage her könnte die Sendung total nerdig daherkommen und Zuschauer, die nicht gerade Fans der vorgestellten TV-Formate sind, eher abschrecken – zumal gerade Haperath rein äußerlich genau diesem Klischeebild eines Nerds entspricht. Betrachtet man die Sendungen aber genauer, stellt sich heraus, dass er sein immenses Fernsehwissen auf keineswegs aufdringliche, sondern auf sympathische und sehr unterhaltsame Art und Weise vermittelt. Kroetz steuert mit seinen professionellen Moderationstechniken die nötige Seriosität bei.

Es stellt sich heraus, dass die Sendung im Grunde genau nichts für Hardcore-Fans ist – denen sind die vorgestellten Anekdoten und Hintergrundinformationen jeweils sicher ohnehin schon bekannt – sondern sich eher an Nostalgiker richtet, die sich gerne an Fernsehsendungen zurückerinnern, mit denen sie aufgewachsen sind. Zu der 80er-Jahre-Krimiserie Hart aber Herzlich erfährt man beispielsweise, wieso der Hund des ständig in irgendwelche Kriminalfälle geratenden Millionärs-Ehepaars gerade “Friedwart” heißt. In ihrem liebevoll-ironischen Tenor stellen die beiden Moderatoren Mutmaßungen an, was die Firma von Jonathan Hart eigentlich herstellt – dies wird in der Serie nämlich nie erläutert – oder warum seine Frau Jennifer, eine Journalistin, eigentlich nie in ihrem Beruf arbeiten muss.

Zu den heute weniger bekannten Serien, die in Retro-TV vorgestellt werden, zählt der ZDF-Mehrteiler Tod eines Schülers aus dem Jahr 1980. Es handelt sich dabei um eine ambitionierte Problemserie von Robert Stromberg und Klaus-Peter Witt (die gemeinsam später auch für die Familienserie Diese Drombuschs verantwortlich zeichneten). Eine damals erschienene Studie legte nahe, dass die Zahl der Schülerselbstmorde in Folge des in der Serie dargestellten Freitods signifikant angestiegen sei (in der Medienwissenschaft wird dieser Fall oft als Beispiel für den sogenannten “Werther-Effekt” herangezogen), woraufhin das ZDF sich genötigt sah, eine Gegenstudie zu beauftragen, die genau das widerlegen sollte.

Die Dramaturgie von Retro-TV unterstreicht die liebevolle Annäherung an die Fernsehformate von einst und schafft Wiedererkennungswert: Die Vorstellung der Sendung geht jeweils aus von einer zeitgenössischen Fernsehzeitschrift, die im Original gezeigt wird. Der kurze Blick in das Fernsehprogramm etwa der 70er oder 80er Jahre ist ebenso erheiternd wie aufschlussreich, erhascht man so doch einen Eindruck davon, in welchem Umfeld die jeweils vorgestellte Sendung damals programmplanerisch platziert war. Am Ende jeder Retro-TV-Folge ist dann jeweils noch eine zeitgenössische Werbekampagne (Anzeige oder TV-Spot) zu sehen, die ebenso noch mal einen amüsanten Flashback in die damalige Zeit ermöglicht. Die Webseite selber schließlich liefert mit historischen Kino- und Popmusik-Chartlisten sowie einer Liste geschichtlicher Ereignisse aus der Ausstrahlungszeit der vorgestellten Sendungen jeweils noch zusätzlichen Kontext.

Wer an solchen Informations-Happen zu vergangenen Fernsehsendungen des kollektiven Gedächtnisses Spaß hat, dem sei Retro-TV wärmstens empfohlen. Das Format war im letzten Jahr sogar für den Grimme Online-Award nominiert.

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