Lord of the Flies (Herr der Fliegen) – eine Interpretation

Lord of the FliesZu den meistdiskutierten Werken der angelsächsischen Gegenwartsliteratur zählt ohne Zweifel der 1954 erschienene Roman Lord of the Flies (dt. Herr der Fliegen) des britischen Literatur-Nobelpreisträgers William Golding. Der Ort der Handlung ist eine Koralleninsel in der Südsee, auf der sich eine Gruppe Jugendlicher nach einem Flugzeugabsturz wiederfindet. Eher sukzessive und nebenbei als explizit erfährt der Leser die Rahmensituation dieser Handlung: Golding suggeriert, dass der damals herrschende kalte Krieg zwischen den Supermächten sich zu einem “heißen” Atomkrieg ausgeweitet hätte und dass die Kinder aus einer angriffsgefährdeten englischen Großstadt in einen sicheren Ort hätten ausgeflogen werden sollen, das Flugzeug aber in einen Luftkampf geraten und abgestürzt sei und nur die Kinder überlebt hätten. Was sich auf dieser isolierten Welt ohne Erwachsene nun entwickelt, ist ein Konkurrenzkampf zwischen zwei Gruppen von Jugendlichen: Der einen, die daran interessiert ist, durch das dauerhafte Anfachen eines Signalfeuers Rettung zu organisieren und ansonsten das Leben auf der Insel nach rationalen Gesichtspunkten möglichst sinnvoll zu organisieren und einer eher instinktgeleiteten Gruppe, die im Laufe des Romans immer mehr auf die Ebene eines Stammes von Wilden degeneriert, der keine zivilisatorischen Regeln und Grenzen mehr kennt und auch vor tödlicher Gewalt nicht zurückschreckt.

Lord of the fliesWas den Roman in erster Linie auszeichnet, ist seine hochkomplexe literarische Komposition, die mit äußerster Stringenz die beabsichtigte Botschaft vermittelt. Grundsätzlich widerspricht Golding der Annahme, jeder Mensch sei ursprünglich zum Guten geboren und nur unter dem Einfluss der Gesellschaft entwickele er eine Neigung zum Bösen: In dem Laboratorium der Insel, in Abwesenheit aller sozialen Regeln, entwickeln sich die Jugendlichen unentrinnbar zum Bösen hin.

Verschiedene wiederkehrende Motive illustrieren diese Entwicklung.

Zu Beginn des Romans setzen die Jungen noch eine am Strand gefundene Muschel dazu ein, Versammlungen einzuberufen und deren Ablauf zu regeln (das Erzeugen eines lauten Tons durch Hereinblasen in die Muschel signalisiert den Beginn der Versammlung, anschließend hat nur derjenige das Wort, der die Muschel gerade hält). Die Muschel ist also ein Instrument von Ordnung und Demokratie, das seine Funktion im Laufe des Romans mehr und mehr verliert, bis es, gemeinsam mit dem Jungen Piggy, der bis zum Schluss an die friedensstiftende Kraft der Demokratie glaubt, dann aber von den degenerierten Jugendlichen mutwillig ermordet wird, vollends zerstört wird.

Der titelgebende “Herr der Fliegen” ist das eindringlichste Motiv des Romans. Es handelt sich dabei um den von Fliegen umschwirrten toten Kopf eines Schweins, der, von den “Wilden” auf der Jagd erlegt, auf einem Holzspeer aufgespießt wird. In einer Szene, die von vielen Lektoren als dramatischer Höhepunkt des Romans gesehen wird, wendet sich dieser “Herr der Fliegen” in einer halb symbolisch, halb wahnhaft zu sehenden Ansprache direkt an einen als introvertiert und verträumt charakterisierten Jungen (der im weiteren Verlauf auch das erste Todesopfer wird). Er erinnert den Leser daran, dass das Böse in Gestalt des “Ungeheuers”, vor dem sich besonders die kleinen Jungen auf der Insel fürchten, eigentlich im Innern jedes Einzelnen zu suchen ist:

“You knew, didn’t you? I’m part of you? [...] I’m the reason why it’s no go? Why things are what they are?”

Damit wird die äußere Reise auf ein unbewohntes Südseeeiland allegorisch zu einer Reise in die Untiefen des eigenen Innern. Damit folgt Golding klassischen Vorbildern, wie sie etwa aus Joseph Conrads Heart of Darkness bekannt sind. Der “Herr der Fliegen” ist eine direkte Übersetzung des griechischen Worts “Beelzebub”, das wiederum auf das hebräische “Baalsebub” zurückgeht, und ist ein Symbol des Teufels (Herr der Fliegen ist dabei zu verstehen als Herr über die bösen Geister). In der Erscheinung des aufgespießten Schweinskopfs ist das wilde Tier dargestellt als Verkörperung des Bösen im Menschen.

Ein weiteres wesentliches Motiv des Romans ist das des Feuers. Es hat dort eine zwiespältige Bedeutung. Es steht einerseits für Wärme, Leben, Nahrung und Rettung (das Signalfeuer), andererseits führt es am Ende, als die “Wilden” die Insel in Brand gesteckt haben, zu Tod und Zerstörung.

Wie ein “Deus ex machina” taucht am Schluss plötzlich ein britischer Marineangehöriger auf der Insel auf, um die Jungen zu retten. Dieses irritierende Happy End hinterlässt jedoch einen derben Beigeschmack, da dieser Offizier ja der Gesellschaft angehört, die gerade im Begriff ist, die Welt außerhalb der Insel in viel größerem Maßstab zu vernichten (Bezüge zu Holocaust und Atomkrieg werden deutlich). Für die Jungen, die noch nicht der vollständigen Degeneration durch das Böse anheim gefallen sind, wird das traumatische Erlebnis auf der Insel zu einer seelischen Katharsis: Mit dem Wissen um das dem Menschen angeborene Böse können sie sich in ihrer weiteren Entwicklung um so wirkungsvoller für Freiheit, Fortschritt und Demokratie einsetzen.

William Golding

Sir William Golding (1911-1993)

Goldings Roman – zunächst von 20 Verlagen als verschwurbelte Abenteuergeschichte abgelehnt, entwickelte sich nach Erscheinen rasch zum Welterfolg, der sowohl vom Publikum als auch von der Kritik gefeiert wurde (zu den frühesten Laudatoren zählten die renommierten Schriftsteller E. M. Forster, C. S. Lewis und T. S. Eliot). Heute zählt er zu den meistgelesenen Romanen überhaupt. Seinem Autor ermöglichte er, seinen eigentlichen Beruf als Lehrer aufzugeben und sich ganz der Schriftstellerei zu widmen – deren höchsten Gipfel er rund 30 Jahre später mit der Verleihung der Nobelpreiswürde erklimmen sollte.

Was man an dem Roman unzweifelhaft kritisieren kann, ist sein stark didaktischer Aufbau als Lehrstück; alles ist Symbol, Parabel, Allegorie, nichts steht für sich selbst. Besonders die Handlungsweisen der Kinder sind, abgesehen von ihrer Sprechweise, die sie z. B. durch die Verwendung von Cockney-Slang als einer bestimmten sozialen Klasse zugehörig ausweisen, wenig glaubwürdig, weil sie kaum ihrem Alter entsprechend erscheinen.

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