Guttenberg kehrt ins Rampenlicht zurück – die Hofberichterstattung über den Freiherrn in der “Zeit”

Als Geschäftsführer eines Nachrichtenportals habe ich vollstes Verständnis dafür, wenn auch die Kollegen aus dem Print-Bereich ihre Inhalte nicht immer nur nach reiner Nachrichtenrelevanz, sondern nach Reichweitenpotenzial auswählen. Ich verstehe auch, dass, wenn man von einer der schillerndsten Figuren der Bundespolitik ein Exklusivinterview nach Monaten des Schweigens zugesagt bekommt, die Versuchung nahe liegt, diese Goldgrube so weit wie möglich auszuweiden. Genau das macht momentan die Wochenzeitung “Die Zeit”, indem sie dem ehemaligen Bundeswirtschafts- und -verteidigungsminister Guttenberg ein mehr als breites Forum zur Vorbereitung seines politischen Comebacks einräumt.

Der das Guttenberg-Interview flankierende Artikel auf Zeit online.

Das Ganze hat den Charakter eines Staatsakts: Der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo fliegt höchstpersönlich nach London, um in einem vornehmen Hotel ein drei  Tage währendes Interview zu führen. Das unmittelbare Ergebnis, das in der aktuellen Ausgabe der Zeit (Nr. 48/2011) bereits vier großformatige Dossierseiten füllt (und eine Zusammenfassung auf Zeit online), ist nur ein Vorgeschmack auf einen rund eine Woche später beim Herder-Verlag erscheinenden 208-seitigen (!) Gesprächsband, der das Mammut-Interview in voller Länge wiedergibt. “Vorerst gescheitert” heißt das Buch – ein Titel, der die Interessen Guttenbergs ganz gut widergibt: In Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre, die ihn alle politischen Ämter kostete, räumt er in dem Gespräch “ungeheuerliche Fehler” ein, macht seine Doppelbelastung durch Politik und Promotion für seine chaotische Arbeitsweise als “hektischer und unkoordinierter Sammler” von Materialen, über deren Ursprung er selbst den Überblick verloren habe, für die unsauber erstellte Dissertation verantwortlich, von der er sich als “Patchwork-Arbeit” distanziert.

Dieses Eingeständnis – das, wie Lorenzo richtig bemerkt, Guttenbergs Verteidigungslinie vom Februar diesen Jahres nur ausschmückt, aber keine neuen Zugeständnisse enthält – bildet aber nur die Basis dafür, seine Rückkehr in die große Politik vorzubereiten, etwa wenn er bedauert, in der Politik mangele es derzeit “generell an Köpfen, die für gewisse Inhalte stehen. Die bereit sind, für Inhalte zu streiten, und nicht die Segel streichen, wenn der Wind mal eisig bläst” – bezogen auf sich selbst, will Guttenberg solche Aussagen wohl als Drohung gegen seine politischen Gegner verstanden wissen. Ausführlich kokettiert er mit der Möglichkeit, einer neu zu gründenden, konservativen Partei beizutreten, da die CSU als ehemalige Volkspartei, die schon Spinnweben angesetzt habe, zu sehr “in romantischer Rückschau die gute alte Zeit” beschwöre.

Sehr offensiv treibt Guttenberg also seinen Marktwert nach oben – zu einem ebenfalls sehr bewusst gewählten Zeitpunkt: Lorenzo legt zu Beginn des Gesprächs offen, dass Guttenbrg darauf bestanden habe, dass das Interview noch vor dem Jahreswechsel zu publizieren sei. Damit legt Lorenzo natürlich auch die Grundproblematik dieser Konstellation offen, die sich, obwohl Lorenzo darauf beharrt, ein “Streitgespräch” geführt zu haben, den Vorwurf der “Hofberichterstattung” gefallen lassen muss. Ich finde den Vorgang durchaus legitim, denn schließlich handelt es sich um ein Thema, das offensichtlich viele Leser interessiert – wofür es also einen Markt gibt – und auch die “Zeit” ist als kommerzielles Medienprodukt nicht das Idealbild des nach rein journalistischen Kriterien unabhängig berichtenden Nachrichtenorgans, als das sich so traditionsbewusste Medienhäuser gerne darstellen. So funktioniert die Medienbranche eben nicht. Um ein so wertvolles Exklusiv-Interview zu bekommen, kommt man als Zeitungsmacher nicht um Zugeständnisse an den Gesprächspartner und dessen Interessen herum.

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Eine Antwort auf Guttenberg kehrt ins Rampenlicht zurück – die Hofberichterstattung über den Freiherrn in der “Zeit”

  1. Oliver sagt:

    Gut gefuehrter Blog, gefaellt mir sehr gut. Auch interessante Themen.

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