The Berg – Ein Modell der medialen Projektion

Am letzten Wochenende habe ich mir gemeinsam mit meinen Eltern das Gelände des Berliner Flughafens Tempelhof angesehen, das, seit 2008 für den Flugverkehr stillgelegt, nun eine Mischung aus Museum, Park und Event Location darstellt. Die riesigen Freiflächen entlang der Landebahnen beeindrucken innerhalb des innerstädtischen Umfeldes besonders. Die Ideen zur Zwischen- und Neunutzung des Areals, die aus einem Wettbewerb der Stadt hervorgingen, werden in den nächsten Jahren schrittweise umgesetzt werden. Ein besonders phantasieanregender Vorschlag, der im Wettbewerb eingereicht wurde, hat dabei meine Aufmerksamkeit erregt: Es solle ein knapp 1000 Meter hoher künstlicher Berg errichtet werden – als Naherholungsgebiet komplett mit Seilbahn, Skipiste, Wanderwegen, Wasserfall, natürlicher Gebirgsflora und -fauna. Mich hat diese Vision sofort extrem beeindruckt, versetzt sie die Großstadt Berlin doch von ihrer sumpfigen märkischen Umgebung in ein alpines Gebirgsszenario und vereint damit drei überaus gegensätzliche Landschaftstypen an einem Ort.

Monumentaler Berg auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

Monumentaler Berg auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Quelle: www.the-berg.de

Handelt es sich dabei um einen ernst gemeinten Vorschlag oder nur um einen Witz? Der 35-jährige Architekt Jakob Tigges, der dieses Konzept eingereicht hat, sagt dazu: “Beides“. Die Stadtverwaltung Berlin, die das Projekt umgehend als “nicht durchführbar” zurückwies, stellte damit einmal mehr das für bürokratische Institutionen typische eindimendsionale Denken unter Beweis. Denn der Vorschlag, der zunächst als reine Phantasterei erscheint, ist äußerst doppelbödig gemeint. Es geht gar nicht darum, tatsächlich einen Eintausender inmitten Berlins zu errichten. Der Berg entsteht vielmehr ausschließlich in der Phantasie der Berliner, die ihn sich erträumen – in zahlreichen Abbildungen und Fotomontagen hat Tigges diesem Sehnuchtsbild bereits Ausdruck verliehen. Zum Konzept gehört auch bereits eine ausgewachsene Werbekampagne, auch Souvenirs und Postkarten des nicht existenten Tempelhofer Bergs sind bereits erhältlich. Das markante Gebirgsmassiv ist also reine Projektion und soll allein durch seine mediale Repräsentation im Bewusstsein der Bürger entstehen und sogar weltweit Touristen anlocken. Andere Städte bauen sich millionenteure Wahrzeichen in Form von Hotels in Segelform, unter Wasser gelegener Restaurants oder ganzer künstlicher Inseln; in seinem dem Vorschlag beigefügten Manifest schreibt Tigges: Anstatt ihn tatsächlich zu bauen, “behaupten wir einfach einen Berg zu haben. Wir malen uns unseren Berg aus, so großartig und so lange, bis wir ihn selber sehen können.”

Was zunächst wie eine krude, allenfalls ironisch zu verstehende Einlassung wirkt, hat indes ein durchaus ernst gemeintes Anliegen. Die Aktion soll darauf aufmerksam machen, dass es für die Bebauung des Tempelhofer Feldes keinen Zeitdruck gibt; anstatt triviale, typisch großstädtische Konzepte, wie sie im Ideenwettbewerb vorgestellt wurden – z. B. ein Vergnügungsviertel inklusive Bordellmeile (“Columbia Strip”) – zur routinemäßigen baulichen Umsetzung zu treiben, solle, so die eigentliche Aussage hinter Tigges’ Vision, dem Areal Zeit gegeben werden, etwas wirklich Großes entwickeln zu können, das der vorbelasteten Historie Berlins etwas für viele kommende Generationen Bleibendes entgegensetzt. Dies wird in dem Bild des majestätischen Doppelgipfels, der den monumentalen Großflughafen der Nazis zur spielzeughaft wirkenden Talstation einer Gondelbahn reduziert, auf geniale Weise metaphorisch zum Ausdruck gebracht.

Dabei muss die Idee noch nicht mal zwingend ganz ins Reich der Phantastereien verbannt werden: Wenn sich seriöse Professoren und Journalisten plausible Konzepte zur Errichtung künstlicher Berge ausdenken, scheint in dieser Richtung nichts unmöglich – schließlich betreibt man beispielsweise im Rahmen der holländischen Landgewinnung bereits seit Jahrhunderten Terraforming in großem Maßstab. Man muss es nur wollen…

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