Die 60er Jahre und der Kennedy-Mythos

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften gibt es in Berlin immer eine solche enorme Fülle an Veranstaltungen, dass es ohne umfangreiche Einarbeitung nicht möglich ist, einen Überblick darüber zu gewinnen. Entweder man versucht, so viel wie möglich “abzuklappern” und läuft Gefahr, beim Wechsel zwischen den weit verstreuten Veranstaltungsorten ganz schön in Hektik zu geraten – oder man bleibt einfach den ganzen Abend über an einem Ort sitzen; man kann sicher sein, dass Einem allein dort ein äußerst abwechslungsreiches Programm geboten wird. So hab ichs gestern Abend gemacht, als ich beim John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin war und dort eine sehr interessante Zusammenstellung von Vorträgen und Performances geboten bekam, in denen es um die kulturellen und politischen Strömungen der 60er Jahre ging, aus denen heraus der “Mythos Kennedy” entstehen konnte.

"Senator Kennedy Goes Courting" - mit diesem Life Cover wurde Kennedys Verlobung bekannt gegeben

Das Berliner Institut zeichnet sich durch einen bewusst kritischen Ansatz aus, der sich von jeglicher Form von Heldenverehrung bezüglich seines Untersuchungsgegenstands abgrenzen will. So wurde in den Vorträgen insbesondere auch die mediale Selbstinszenierung Kennedys hervorgehoben, die – fernab seines kränklichen Gesundheitszustands und seines skandalumwitterten Privatlebens – das Bild eines dynamischen, jugendlich verbindlichen und dennoch würdevoll-vertrauenserweckenden Staatsmanns in der Bevölkerung etablierte. Bereits in seinen Wahlkämpfen der 40er und 50er Jahre setzte Kennedy das damals noch junge Medium Fernsehen in einer Intensität ein, wie sie erst in den 80er und 90er Jahren von anderen Politikern wieder aufgegriffen wurde. Aber auch die traditionellen Medien wusste der Kennedy-Clan virtuos zu bedienen – beispielsweise in den regelmäßigen Cover-Stories des Magazins “Life”, dessen Herausgeber ein Freund der Familie war und das z. B. in einer Titelstory die Verlobung zwischen Jacqueline und John F. Kennedy exklusiv bekannt gab – und politisch wie kommerziell vermarktete.


Was in den Senatswahlkämpfen Kennedys noch die Live-Übertragungen aus dem Eigenheim in New England waren, wurde 1962 zu Jaqueline Kennedys “Führung durch das weiße Haus” – mit 75% Einschaltquote bis heute eine der meistgesehenen Sendungen der Fernsehgeschichte.

Die entstehende Massenkultur der 60er Jahre wurde auch in den Performances des Abends referenziert – beispielsweise wurde versucht, durch eine Klang-Collage der 10 bedeutendsten Pop-Songs der 60er Jahre, die ein Computer auf der Basis der Hell-dunkel-Töne einer Kennedy-Fotografie berechnet hatte, das Prinzip der “Superimposition” von John Cage mit moderner Technik wieder auferstehen zu lassen. Die Schlüsselfigur der Ende der 50er Jahre entstandenen Happening-Kunst kam auch an weiteren Stellen zu ihrer Ehre, etwa durch einen imaginären Dialog zwischen Cage und John F. Kennedy, der aus Zitaten von beiden zusammengestellt worden war.

Der Dichter Robert Frost bei der JFK-Inauguration - wegen der starken Sonneneinstrahlung konnte der 86jährige das Skript seines eigens für diesen Anlass geschriebenen Gedichts nicht lesen, woraufhin er improvisierte und sein berühmtes "The Gift Outright" aus dem Gedächtnis rezitierte.

Neben den musikalischen wurden auch die wichtigsten dichterischen Strömungen der Kennedy-Ära in einem eigenen Vortrag beleuchtet, wobei das von Robert Frost bei seiner Inaugurationszeremonie vorgetragene Gedicht The Gift Outright, das, wie in der Interpretation deutlich wurde, nur an der Oberfläche eine patriotische Feier Amerikas und seiner präsidentiellen Würde ist und durchaus auch kritische Verweise auf möglichen Missbrauch der verliehenen Präsidentenmacht enthält.

Ergänzt wurde die Veranstaltungsreihe dann noch durch eine Ausstellung über den Besuch John F. Kennedys an der Freien Universität Berlin am im Juni 1963. Insgesamt ein inspirierender und vielseitiger Themenabend im besten Sinne der “Langen Nacht der Wissenschaften”.

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Gesellschaft, Politik, Zeitgeschichte abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.