9Live wird eingestellt – das Ende des Call-In-Fernsehens in Deutschland

9Live - Deutschlands erster (und wohl auch letzter) ausschließlich über Zuschaueranrufe finanzierter Sender

Um 19:22 heute Abend ging eine Meldung durch die Presse, die den Schlussstrich unter ein bemerkenswertes, wenn auch nicht immer rühmliches Kapitel deutscher Fernsehgeschichte bedeutet: Zum 31. Mai dieses Jahres stellt die ProSiebenSat.1 Media AG, zu der auch 9Live gehört, alle Geschäftsaktivitäten im Bereich Call-In ein. Dabei hatte “Deutschlands erster Gewinnspielsender” (Eigenwerbung) nach seiner Gründung im Jahr 2001 eine beeindruckende Erfolgsgeschichte hingelegt und avancierte zum Shooting Star der Fernseh-Branche. Das Prinzip “Call-In” verfing offensichtlich und machte 9Live – den “neuen Hoffnungsträger” (Welt online) – zum “bei weitem rentabelsten deutschen Fernsehsender“. Und das im zarten Alter von nur zwei Jahren, in dem andere Privatsender noch tief in der Anschubfinanzierung stecken – und zu einem Zeitpunkt, als die schon arrivierten RTL und Sat1 gerade mit herben Verlusten zu kämpfen hatten. Mit dem “Interaktionsfernsehen” schien sich ein viertes Geschäftsmodell neben Gebühren-, Werbe- und Abofinanzierung dauerhaft zu etablieren, zumal immer mehr Sender das Erfolgsrezept übernahmen und man sich bald nirgends mehr vor “Hot Buttons” und “Schnellraterunden” sicher sein konnte.

Was immer fester Bestandteil der Publicity um die Call-In-Formate war, wurde ihnen nun zum Verhängnis: Die Anrüchigkeit ihrer Praktiken zur Erhöhung der Anrufquote. Dies steigerte sich bis dahin, dass die Landesmedienanstalten, die bis dahin keine Handhabe gegen die irreführenden und mitunter betrügerischen Maßnahmen der Sender hatten, im Frühjahr 2008 ihre Satzung dahingehend änderten, dass es ihnen möglich wurde, die Fortführung besonders perfider Spielformen als Ordnungswidrigkeit zu ahnden (so etwa die Verwendung exotischer Lösungsworte weit jenseits des gebräuchlichen Wortschatzes) – woraufhin die TAZ mit Sicht auf 9Live bereits orakelte: “Die fetten Jahre sind vorbei“.

Und tatsächlich erodierte 9Live in den folgenden drei Jahren kontinuierlich. Unter dem Eindruck weiterhin nicht ausbleibender Negativschlagzeilen wendeten sich die Zuschauer von dem als “Abzock-Sender” verschriehenen Kanal ab, ein kontinuierlicher Umsatzrückgang war die Folge. Im Januar 2011 musste man sich aus der Verbreitung via Satellit zurückziehen, was den Niedergang verstärkte und, wie sich nun zeigt, offenbar schon die erste Maßnahme auf dem Weg zur Einstellung war.

Dabei ist an der Grundidee des interaktiven Fernsehens nichts anrüchiges und, wie die Anfangserfolge zeigten, hat sie durchaus Potenzial. Ich plädiere für einen seriösen Interaktionssender, der eben nicht nur aus dümmlichen Game-Shows besteht, sondern der seine Zuschauer für voll nimmt und mit ihnen ins Gespräch kommen will – über politische, soziale, kulturelle Themen und mit ganz unterschiedlichen Formaten, mal mit Studiogästen, mal vor Ort in der Provinz, mal unter Einbeziehung von Nutzern via Skype, Facebook oder Twitter. Spannend wäre freilich die Frage, ob für ein intelligentes Gespräch mit echtem Erkenntnisgewinn ähnlich viele Zuschauer bereit wären, 50 Cent pro Anruf zu investieren wie für die vage Aussicht auf einen Gewinn im verstelligen Bereich – ich bin skeptisch (schließlich gilt nicht erst seit Gordon Gekko die Annahme “greed is good”…).

Wie geht es nun weiter mit 9Live? Hierzu gibt es seitens des Managements bislang nur Andeutungen, klar ist nur, dass es keine Livesendungen mehr geben wird – was den Sendernamen vollends ad absurdum führt und die Vermutung nahelegt, dass er nach einer Übergangsphase wohl ganz abgeschaltet wird.

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