Alles Wedding, oder was? Die royale Hochzeit als Quotenbringer bei Spiegel Online

Was muss passieren, damit ein Nachrichtenmagazin, dessen Markenwert auf Enthüllungsjournalismus und seriöse Politikberichterstattung basiert, einen Tag lang in seinem Aufmacher ausschließlich über ein Boulevardthema berichtet?

Abb. 1: Die 5 meistgelesenen Artikel auf Spiegel Online vom 29. 4. 2011

Richtig, in der britischen Monarchie muss wieder irgendjemand irgendjemand anders heiraten. Heute drehten sich vier der fünf meistgelesenen Artikel auf Spiegel Online um das Weltereignis “William und Kate” (siehe Abbildung 1). Selbst dem ehrwürdigen Spiegel-Logo wurde an diesem Tag – dem Google-Doodle-Vorbild folgend – neckisch ein Krönchen aufgesetzt (siehe Abbildung 2).

Lediglich der Artikel “Eklat beim FC Bayern: Schweinsteiger lässt die Sau raus” (auch dieser durchaus boulevardlastig) kann der royalen Bilderbuchhochzeit das Wasser reichen.

Abb. 2: Dem Spiegel-Logo die Krone aufgesetzt

Letztendlich richtet sich das publizistische Produkt Spiegel Online danach, was seine Leser interessiert – und wenn das halt mal eine disneylandartige Parade zuckerbäckerartig aufgemotzter Uniformträger ist (ja, auch ich habe mich dabei ertappt, das königliche Familienereignis heute einige Minuten lang im Fernsehen zu verfolgen), kann auch der Spiegel sich dem nicht entziehen.

Abb. 3: Hofberichterstattung a la Spiegel

Was Spiegel Online allerdings betreibt, ist großteils reine Hofberichterstattung wie der Artikel “Die perfekte Hochzeit” (siehe Abbildung 3), der auch visuell exakt die vom Königshaus vorgesehene Inszenierung wiedergibt – selbst die “britische Bild-Zeitung” The Sun ist da visuell subtiler, indem sie abbildet, wie sich eines der Brautmädchen die Ohren zuhält und im Hintergrund Bedienstete das sich küssende Brautpaar begaffen. Wünschenswert wären dagegen mehr journalistische Artikel wie dieser: “Königliche Hochzeit: Wenn das Herz das Hirn besiegt“; darin raisonniert der Spiegel-Kulturredakteur und ehemalige TAZ-Ressortleiter Stefan Kuzmany monarchiekritisch, aber durchaus nachdenklich über das Hochzeitsspektakel. Natürlich hat es dieser Artikel in der ganzen royalen Euphorie nicht unter die Top 5 gebracht.

Abb. 4: Berichterstattung auf Zeit Online

Die “Zeit” jedenfalls zeigt, dass es auch anders geht: Den Aufmacher bildet die Syrien-Krise, darunter ein medienkritischer Artikel, in dem sich der Autor mit der “überflüssigen Doppel-Hochzeit bei ARD und ZDF” beschäftigt (siehe Abbildung 4). Die Schlagzeilen anderer “Qualitätszeitungen” wie die der FAZ (“Traumhochzeit in Großbritannien: Das Ja des Jahrzehnts”, “Kate Middleton: Ein Hochzeitskleid für die Ewigkeit”) oder der Welt (“Alles lief nach Plan – nur beim Ring klemmte es”) gliedern sich dagegen voll in den Boulevard-Stil des Spiegel ein.

P.S.: Zur Berichterstattung über die Hochzeitsfeierlichkeiten hier noch ein interessantes Posting aus dem Spiegel-Forum, in dem der Autor die Tendenz feststellt, dass bei der Militärparade, die vom britischen Fernsehen ausdrücklich als Reverenz an den britischen Widerstand gegen Deutschland gedeutet wird, im deutschen Kommentar der Bezug zu den beiden Weltkriegen aus Rücksicht auf das deutsche Publikum völlig totgeschwiegen wurde (die ARD verstieg sich beim Brautkuss sogar zu einer Umdeutung des Vorgangs als “Versöhnung mit Deutschland”).

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