Deutschland sucht den Super-Trampel: Zur Beinahe-Kathastrophe in Oberhausen

Duisburg ist in Oberhausen: Als am Wochenende die Meldungen von dem beinahe zur Massenpanik eskalierten Menschenauflauf anlässlich eines Auftritts der Kandidaten von Deutschland sucht den Superstar im Oberhausener Mega-Einkaufszentrum Centro durch die Medien gingen (angeblich wurden Dutzende Verletzte in Krankenhäuser eingeliefert), fühlte ich mich an die vergleichbare Situation im letzten Sommer bei der Love Parade in Duisburg erinnert: Aufgrund der ungleich größeren Menschenmenge waren dort die Konsequenzen freilich drastischer – die Mechanismen, die zu der Beinahe-Kathastrophe führten, und insbesondere die Rechtfertigungsreflexe, die darauf folgten, sind jedoch die gleichen.

Die Stadt wirft dem Veranstalter vor, das Ereignis nicht rechtzeitig angemeldet zu haben und zu spät einen Notruf an die Feuerwehr abgesetzt zu haben, so dass eine angemessene Planung der Sicherheitsvorkehrungen vorab und die unmittelbare Reaktion auf die Gefahrensituation extrem erschwert worden seien. Der Veranstalter – Centro – schiebt den schwarzen Peter wiederum zurück an die Kommunalbehörden, die allerdings nicht mal den Bedarf einer speziellen Sicherheitsfreigabe gesehen hätten, da der Veranstaltungsort ja  ohnehin täglich von großen Menschenmassen besucht werde. Und dass statt den geplanten 5.000 Besuchern plötzlich mehr als 20.000 zu dem Ereignis erscheinen würden, wäre ja nicht vorhersehbar gewesen. Inzwischen hat die Diskussion um die Verantwortung der Behörden, wie schon im Fall Duisburg, die Ebene des NRW-Ministerpräsidenten erreicht.

Verantwortung will niemand übernehmen – schließlich geht es um handfeste Haftungsfragen, wie das zähe juristische Naschspiel der Loveparade-Kathastrophe zeigt. Was für mich aber noch interessanter ist, ist die Tendenz vieler Kommentatoren in beiden Fällen, die Verantwortung für die Vorfälle der Berichterstattung in den Medien anzulasten: Schließlich habe ja RTL auf breiter Front die Werbetrommel für den Auftritt seiner “Super-Star”-Truppe gerührt. Eine verfahrene Gemengelage gegenseitiger Schuldzuschreibungen – wobei der wichtigste Faktor meiner Ansicht nach in diesen Diskussionen immer weitgehend unterbelichtet ist: Der Faktor Mensch, der solche Gefahrenszenarios überhaupt erst real werden lässt. Wirklich gefährlich wurde es in Oberhausen erst, als die Veranstalter die angekündigte Autogrammstunde abbließen und die Kandidaten das Podium unverrichteter Dinge wieder verließen – der ersatzlose Abbruch war sicherlich nicht geeignet, um die Gemüter der tausenden vor dem Center wartenden Jugendlichen zu besänftigen und muss insofern als “menschliches Versagen” gewertet werden. Was aber sicherlich auch zu konstatieren ist, ist die geradezu blinde Rücksichtslosigkeit, mit der sich die Besucher solcher Entertainment- und Lifestyle-Veranstaltungen  das zu verschaffen bereit sind, was sie als ihr Recht ansehen, nämlich immer im Zentrum des Spektakels sein zu können, und zwar ganz vorn. Die Vermittlung dieses Wertekomplexes des “Mittendrin statt nur dabei”, das ist es, was sich die Massenmedien als Mitverantwortung für die Entstehung solcher Gefahrenszenarien anlasten lassen müssen.

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