Neil Postman – Klassische Medientheorien Revisited 3

Der Kommunikationswissenschaftler Neil Postman bekleidete von 1959 bis zu seinem Tod 2003 eine Professur für Kommunikationswissenschaft an der New York University, in deren Rahmen er die sogenannte “Medien-Ökologie” mitbegründete, in der die Massenmedien mit der Umwelt gleichgesetzt werden; demzufolge können Medien in Gesellschaften und im individuellen Lebenswandel des Einzelnen auch eine “Umweltverschmutzung” bewirken. Heute wird dieser Gedanke unter Stichworten wie “Elektro-Smog” in Zusammenhang mit Mobilfunkwellen ganz neu diskutiert. Postman ging es darum, die Bedingungen zu erforschen, unter denen die Massenmedien zu einer “geistigen Umweltverschmutzung” beim Rezipienten beitragen können.

Er konzentrierte sich dabei auf das Medium Fernsehen, das in den 70er und 80er Jahren seine Position als dominierendes Massenmedium in der amerikanischen Bevölkerung gefestigt hatte. Gegenstand seiner Medienkritik ist insbesondere die Art und Weise, wie das Fernsehen Nachrichten übermittelt. Als visuelles Medium ist es dazu gezwungen, für jeden Bestandteil an Information eine Bebilderung zu finden, die das Gesagte in vereinfachter Form visualisiert, wodurch komplexe Zusammenhänge und Hintergrundinformationen nur reduziert vermittelt werden können oder ganz weggelassen werden müssen. Diese vergröberte Darstellung der Welt dient aufgrund der Wirkungsmächtigkeit des Mediums rückwirkend aber auch immer als Modell dafür, wie die reale Welt aussehen sollte: In Anspielung auf Marshall McLuhan formulierte Postman dessen Leitsatz “Das Medium ist die Botschaft” um in “Das Medium ist Metapher”. Es gibt heute ein ganzes Genre von Fernsehsendungen, in denen gesellschaftliche Modelle und Normen postuliert werden und randständige Individuen diesen Normen entsprechend umerzogen werden (z. B. Teenager außer Kontrolle oder Der Club der bösen Mädchen). Diese Formate, die sich als unterhaltsam inszenierte “Ratgeber” für eine bessere Lebensführung verstehen, könnte man in Erweiterung von Postman auch als “Advisotainment” bezeichnen (hier ein Knol-Artikel von mir, in dem ich den Begriff Advisotainment anhand des Clubs der bösen Mädchen entwickele).

Wenn aber die zu Zwecken von Unterhaltung und leichterer Konsumierbarkeit reduzierte Darstellung der Welt direkte Rückwirkungen auf reale gesellschaftliche Rollenmodelle haben, ist die Folge laut Postman langfristig eine Entleerung von Politik und Kultur. Denn das Fernsehen ist den Normen des Showgeschäfts verpflichtet. Fernsehbilder provozieren ausschließlich ästhetische Wirkungen, logisches Denken wird gegenüber Emotionalität und Oberflächlichkeit zurückgedrängt. Entertainment, laut Postman „die Superideologie des gesamten Fernsehdiskurses“, bildet den Rahmen für jegliche mediale Darstellung von Erfahrung. Dafür gibt es heute, mit den unzähligen TV-Formaten, in denen sich Inszenierungsformen aus dem Spielfilmbereich mit dokumentarischen Gestaltungsmitteln vermischen (Stichwort “Reality Soap”), mehr als genug Beispiele. Für solche Formen der Kombination von Information und Unterhaltung prägte Postman den heute sehr gängigen Begriff des “Infotainments”. Auch die Boulevard-Magazine, mit denen sich heute jeder Sender schmückt, sind ein gutes Beispiel für Infotainment. Eine Jugend, welche die Welt ausschließlich über solche vereinfachten Abbilder und Metaphern vermittelt bekommt, verlernt nach Postman die Fähigkeit, kompliziertere Zusammenhänge zu begreifen; die Folge ist eine Infantilisierung der Gesellschaft.


Die “Knoff-Hoff-Show”, hier eine Sendung aus dem Jahr 1988, war eine der ersten Sendungen, die Bildungsinformationen explizit mit den Mitteln des Showgeschäfts inszenierte.

Aktuelle Beispiele für Advisotainment:

Mit seinem programmatischen Vortrag “Wir amüsieren uns zu Tode” (der auch den Titel für sein wenig später erschienenes bekanntestes Buch lieferte), eröffnete Postman die Frankfurter Buchmesse 1985. Ein Vierteljahrhundert später kann man sagen, dass Postmans Infotainment die Medien, zumal das Fernsehen, erobert hat. Es gibt kaum mehr ein Nachrichtenformat, das nicht mit unterhaltenden Elementen, Visualisierungen und animierten Infografiken arbeitet. Auf die speziellen expliziten Infotainment-Formate wurde ja bereits hingewiesen. Ist die von Postman vorhergesagte “Infantilisierung der Gesellschaft” und die “Entleerung von Politik und Kultur” in gleichem Maße eingetreten? Diese Frage ist offen zur Diskussion. Was man hinsichtlich der politischen Praxis sicherlich sagen kann, ist, dass Spitzenpolitiker ihre öffentlichen Auftritte heute sehr stark an ihrer erwarteten medialen Wirkung ausrichten, dass sie sich ein Stück weit an die infotainmentgeprägten Standards des Fernsehens angepasst haben.

Die anderen Teile der Serie über klassische Medientheorien:

Teil 1 – Walter Benjamin
Teil 2 - Marshall McLuhan

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