Walter Benjamin – Klassische Medientheorien revisited 1

Mit diesem Blogpost beginne ich eine kleine Reihe von Beiträgen, in denen ich ein paar Klassiker der Medientheorie unter aktuellen Gesichtspunkten betrachte, ganz nach dem Motto: “Was bedeuten die in den klassischen Medientheorien entwickelten Gedanken für uns heute, was hat sich seit der Zeit dieser bekannten Medientheoretiker auf deren Feld weiterentwickelt?” usw.

Walter Benjamin

Walter Benjamin

Den Anfang macht Walter Benjamin, der zu den wichtigsten geschichtsphilosophischen und kunstsoziologischen Denkern des 20. Jahrhunderts zählt und als Begründer der modernen Medientheorie gelten kann. Benjamin studierte Philosophie und Literatur und promovierte 1919 über den Begriff der Kunstkritik. Er war zeit seines Berufslebens unter schwierigen ökonomischen Bedingungen als freier Kritiker und Essayist aktiv, ab 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft im Exil in Paris. 1940 nahm er sich unter tragischen Bedingungen auf der Flucht vor den Nazis nach Spanien mit 48 Jahren das Leben.

Benjamins richtungsweisender Essay “Das Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit” fasst die Hauptthese seines Werks programmatisch zusammen: Es geht um die Auswirkungen der elektronischen Medien und der damit einhergehenden Massenkommunikation auf das Kunstverständnis und das Verhältnis zwischen Künstler, Kunstwerk und Rezipient. In dem Moment, in dem ein Kunstwerk beliebig oft reproduzierbar wird, verliert es nach Benjamin seine “Aura”, die in seiner Einmaligkeit besteht und darin, dass die künstlerische Performance ursprünglich an einen bestimmten Ort, sei es Konzertsaal, ein Theater oder ein Museum, gebunden war, und nunmehr, dank Radio und Schallplatte, in der alltäglichen Umgebung eines Jeden jederzeit rezipiert werden kann. Den in den 30er Jahren noch “neuen Medien” Film und Fotografie spricht Benjamin nicht ab, ihrerseits künstlerische Werke hervorbringen zu können, es seien nur eben neue, technisch geprägte Kunstformen, bei denen nicht so sehr der Genius des Künstlers im Vordergrund stehe, sondern technologische Leistungen, die durch Aspekte geprägt sind, die mit der natürlichen menschlichen Wahrnehmung gar nicht möglich wären; als Beispiele nennt Benjamin Zeitlupe und Zeitraffer im Film oder die Fähigkeit zur Ausschnittsvergrößerung in der Fotografie.

Künstler und Kulturbetrieb

Der Künstler verschwindet hinter Automatisierung und Kapitalisierung - über Ort und Zeit des Kunstgenusses entscheidet der Rezipient

Ausführlich geht Benjamin auf den Kulturbetrieb ein, der das Kunstwerk für ein bestehendes Programmangebot selektiert, es hinsichtlich seiner Marktfähigkeit bei der Zielgruppe neu ausrichtet, dann eine Reproduktion des Werks erstellt – teilweise in Kombination mit Werken anderer Künstler – und dieses Produkt auf dem Kunstmarkt vertreibt – wobei durch PR und Öffentlichkeitsarbeit auch ein vermarktungsfähiges Image des Künstlers selbst geschaffen wird.

Diese Passagen in den Schriften Benjamins wirken heute, nach über 70 Jahren, besonders aktuell, hat doch das Zeitalter der Digitalisierung ganz neue Dimensionen der Kopierbarkeit von Originalen ohne Qualitätsverlust gebracht. Und die Frage nach dem Verlust der künstlerischen Aura in Zeiten eines von Automatisierung und Kapitalisierung geprägten Kulturbetriebs stellt sich heute auch mehr denn je; Benjamins Gedanken zur Rekombination mehrerer originärer Kunstwerke zu einem neuen, technisch geprägten Werk verweisen auf Mashup und Collage und wirken, als hätte er selbst das Internet und damit verbundene Formen wie die Youtube-Videokunst bereits vorausgeahnt.

Die anderen Teile der Serie über klassische Medientheorien:

Teil 2 – Marshall McLuhan
Teil 3 – Neil Postman

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