Progressive Portraits – Youtube als Plattform für Videokunst

Zu den reizvolleren Youtube-Experimenten zählen die Videos von Leuten, die über Jahre hinweg tagtäglich ein Portraitfoto von sich anfertigen und diese Bilderserie dann im Zeitraffer ablaufen lassen. Zur Zeit wird wieder ein solches Video im Netz herumgereicht. Es lässt das Leben des Mädchens Natalie in Aufnahmen vom Zeitpunkt direkt nach der Geburt bis ins Alter von 10 Jahren innerhalb von weniger als anderthalb Minuten ablaufen. Für junge Eltern ist es entzückend, die Entwicklung vom Baby zum Heranwachsenden mit den vielen kleinen und subtilen anatomischen Veränderungen so unmittelbar beobachten zu können. Der Spaß am täglichen Foto-Termin ließ bei Natalie aber offensichtlich über die Jahre deutlich nach, so dass noch vor dem Eintritt in die Pubertät Schluss war mit diesem Langzeitexperiment.

Dieses Prinzip der Langzeit-Fotografie wird in vielen ähnlich gearteten Bilderserien aufgegriffen. Wenn es sich nicht mehr wie bei Natalie um ein harmloses Familienalbum zum Erfreuen der Verwandschaft handelt, sondern die Methode zur künstlerischen Performance wird, wirkt der Effekt, wenn ein Mensch innerhalb von Sekunden um Jahre altert, geradezu unheimlich. Ein Beispiel dafür ist ein Video des New Yorker Designers Jonathan Keller, der sich im Alter von 22 bis 30 Jahren täglich ablichtete. Wird es so systematisch angewendet, dass die wesentlichen Gesichtsmerkmale immer an der gleichen Stelle des Bildes sind, funktioniert das Prinzip erstaunlich gut – es kommt ein morphing-ähnlicher Effekt zum Tragen – und vermittelt einen kontinuierlichen körperlichen Entwicklungsprozess. Auf diese Weise wird Youtube zum Medium für eine multimediale Variante eines aus der Malerei stammenden klassischen Genres: Des Portraits. Für diese Art des zeitlich voranschreitenden Kopfbildes könnte man den Begriff “Progressive Portraits” prägen.

Es ist die Unveränderlichkeit im Veränderlichen, die diese Serie so faszinierend macht: Über die Jahre hinweg blickt uns der junge Mann mit immer völlig gleichem Gesichtsausdruck an, während seine Gesichtszüge zusehends reifer werden und die sein Gesicht umrahmenden Haar- und Kleidungsmoden sich blitzschnell ablösen.  Der eigentlich völlig neutrale Geischtsausdruck scheint im Zeitraffer unwillkürlich einen traurigen Charakter zu bekommen. Der direkt in die Kamera gerichtete Blick scheint den Zuschauer zu fixieren, während die Jahre dahinfliegen – ein durchaus beunruhigendes Sinnbild der Vergänglichkeit.

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