Piratenwiki – Social-Web-Plattformen der Parteien (6)

Auf einen Vorschlag aus der Leserschaft heraus (danke für die Anregung, Sascha) setze ich die Serie zu den Social-Web-Plattformen der Parteien noch um eine Folge fort über eine Gruppierung, die sich über die Nutzung des Internet als Vernetzungs- und Austauschmedium geradezu definiert: Die Piratenpartei.

Forum der Piratenpartei

Die phpBB-Implementation der Piraten

Auf deren Website dominieren die interaktiven Elemente wie bei keiner anderen Partei, “Baustelle” ist hier Programm, die Seite versteht sich als Gemeinschaftswerk, das ständig in der Entwicklung begriffen ist. Bei der Wahl der Mittel fällt zunächst auf, dass für das Forum, in dem sich die verschiedenen AGs und Landesverbände untereinander austauschen, mit einem kaum angepassten phpBB ein Klassiker der Web-1.0-Software gewählt wurde. Während andere kleine Parteien wie z. B. die Linkspartei mit ihrer Plattform linksaktiv.de ausdrücklich die Nähe zu den Größen des “Web 2.0″ wie etwa Facebook suchen, entscheiden sich die Piraten für einen eher konservativen Mix aus altbewährten Internet-Kommunikationsformen  und  generischen “Social  Web”-Kanälen.

Startseite Piratenwiki

Die Startseite des "Piratenwikis"

Während die Mailingliste und der Newsserver der Piratenpartei noch Formen der Vernetzung aus der Pionierzeit des Internet darstellen,  steht das Piratenwiki - der Kern der Website der Piratenpartei – für das Paradigma kollaborativen Arbeitens im Social Web schlechthin. Keine der anderen Parteien stellt ein Wiki so sehr ins Zentrum seiner politischen Arbeit wie die Piraten.  Sämtliche offizielle Parteiinformationen werden in diesem Wiki gepflegt. Lediglich Satzung und Parteiprogramm sind zur Bearbeitung für Jedermann gesperrt und mit dem Hinweis versehen, dass Änderungen daran eines Antrags beim Parteitag bedürfen – alles andere wäre auch politisch völlig unseriös. Um auch technisch unbedarftere Nutzer zur Mitarbeit am Wiki zu gewinnen, gibt es zahlreiche Tutorials und Hilfeseiten – oftmals mit Verweisen auf die verbreitetste Wiki-Plattform überhaupt, die Wikipedia. Und mit MediaWiki setzen die Piraten auch die gleiche Open-Source-Software ein wie die freie Enzyklopädie, so dass, wer schon mal einen Artikel für die Wikipedia geschrieben hat, sich schnell in der Syntax des Piratenwikis zurechtfinden wird.

Besonders interessant ist die Seite wiki.piratenpartei.de/Kommunikation, auf der die verschiedenen in der Partei eingesetzten Kommunikationsformen mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen für die politische Arbeit dargestellt werden. Während als Vorteile des klassischen Forums die leichte Erlernbarkeit und hohe Verbreitung genannt wird, steht beim Wiki die Transparenz und Strukturiertheit des Arbeitens im Vordergrund  – wohingehend man sich eingesteht, dass – wie auch bei Mailinglisten und Newsserver -  die gewohnheitsmäßige Nutzung dieser Instrumente noch nicht den Mainstream der Internetnutzer erreicht hat. Daher setzt man bewusst auch auf herkömmliche Features wie Chat (v. A. IRC, eine weitere Dino-Technologie des Internet), Instant Messaging (z. B. ICQ, MSN), und  Voicechat (z. B. Mumble, Skype) – nicht ohne auf die Unzulänglichkeiten dieser Kanäle für die politische Arbeit hinzuweisen:  Auf technischer Ebene (nichtoffene Übertragungsprotokolle, unklare Logging-Policys der Betreiber, Privacy-Probleme durch vielfach fehlende Verschlüsselungsmöglichkeiten) wie auch auf Nutzungsebene (Möglichkeit von Kommunikationsstörungen wegen fehlender Face-to-Face-Situation, Intransparenz der Gruppenbildung, “Kuddelmuddel, wenn Jeder was sagen will”). Demgegenüber wird beim klassischen Forum schon wieder als positive Eigenschaft hervorgehoben, dass hier die Möglichkeit besteht, die absolute Freiheit der Diskussion einzuschränken, indem Moderatoren die Threads kontrollieren und in geordnete Bahnen lenken.

Durch differenzierte Bewertungen und Eindordnungen dieser Art beweist die Piratenpartei die größte Kompetenz im Umgang mit internetbasierten Kommunikationsformen – man schöpft das ganze Arsenal an verfügbaren Tools aus und gibt jeglicher Anbiederung an hippe “Web 2.-0″-Marketingtrends eine klare Absage. Eine strenge Zweckmäßigkeit prägt den Einsatz der verschiedenen Medienkanäle. Das einzige, was mir nicht ganz klar war, ist, was genau sich hinter dem “Piratenpad” versteckt, das großspurig als “das bessere Google Wave” bezeichnet wird, aber während meines Besuchs nur auf eine leere Wiki-Seite führte – wahrscheinlich ist es nur eine Art Notizseite für Entwürfe, die später Eingang ins Piratenwiki finden können.

Hier die weiteren Teile der Serie zu den Social-Web-Plattformen der Parteien:

SPD – meineSPD.net
CDU und CSU – csunet.de und csunity.de

Linkspartei – linksaktiv.de
FDP – my.fdp
Bündnis 90/Die Grünen: Meine Kampagne

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